Toleranz und Blasphemie – Die Aggression der Bilder

Karikaturen sind frei von physischer Gewalt. Den Tod bringen die Menschen. Ein Essay über Blasphemie und religiöse Toleranz.

Blasphemie ist in der öffentlichen Wahrnehmung insbesondere im Kontext des Islam und der sogenannten Prophetenbeleidung bekannt. Die Enthauptung eines Lehrers im Oktober 2020 hat nicht nur in Frankreich für Entsetzen gesorgt. Im Unterricht wollte der Geschichtslehrer das Thema Meinungsfreiheit behandeln und dabei Mohammed-Karikaturen verwendet.

Frankreich ist immer wieder Schauplatz von Gewalt im Zusammenhang mit Islamismus. Im Januar 2015 war es der Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, bei dem einige der bekanntesten Karikaturisten des Landes ermordet wurden. Die Zeitschrift macht immer wieder von dem in Frankreich geltenden Recht auf Blasphemie Gebrauch. Im Dezember 2020 wurden mehrere Angeklagte im Umfeld der Attentäter in einem Prozess zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Aber nicht nur Frankreich ist Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Blasphemie und Gewalt. 2005 veröffentlichte die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ zwölf Mohammed-Karikaturen, was Muslime weltweit auf die Barrikaden brachte. Ihr Zeichner, Kurt Westergaard, brauchte fortan Polizeischutz.

Blasphemie und Toleranz im Christentum

Der Widerstand gegen blasphemische Darstellungen ist im Christentum ebenfalls ein aktuelles Phänomen. Dabei geht es nicht um einen Vergleich von religiösem oder fanatischem Gewaltpotential der unterschiedlichen Religionen. Ein anschauliches Beispiel für blasphemische Kunst im christlichen Kontext ist das Werk „Piss Christ“ von Andres Serrano aus dem Jahr 1987. Der Künstler stellte ein Kruzifix in ein mit seinem Urin gefüllten Gefäß und fotografierte es.

Die Empörung über diese Darstellung ging in den Jahren zurück. 2011 wurde das Bild allerdings bei einer Ausstellung in Avignon mit einem Hammer beschädigt. Der Täter war ein Katholik. Ziel war anders als bei den zuvor geschilderten islamistisch motivierten Attacken nicht der Urheber, sondern das Werk selbst.

In Deutschland bekannter wird sicherlich das Cover der „Titanic „sein, das im Jahr 2012 unter dem Titel „Die undichte Stelle ist gefunden!“ ein Bild von Papst Benedikt XVI. mit einem gelben Fleck auf der weißen Soutane zeigte. Die Kirche reagierte juristisch. Den meisten Katholiken wird das Bild möglicherweise erst durch die Reaktionen bekannt geworden sein.

In einem Fall aus dem Jahr 2019 gab es im Bistum Aachen den Vorwurf einer Gotteslästerung. In der katholischen City-Kirche in Mönchengladbach musste der Pfarrer eine Kruzifix-Darstellung als Kunst verteidigen. An einem Kreuz hing zur Darstellung des Gotteslammes ein aus Mullbinden gebastelter Kadaver. Blasphemie ist im Christentum also keineswegs trivial.

Theologische Selbstreflexion

Die Herausforderung einer theologischen Auseinandersetzung mit Blasphemie besteht darin, die eigene, christliche Position nicht in Konkurrenz oder in einen Wettbewerb mit anderen Religionen am Grad eigener Aufgeklärtheit zu messen. Im Anblick schwindender Selbstverständlichkeit der christlichen Prägung in Deutschland und Europa ist es durchaus denkbar, dass fundamentalistische Strömungen zunehmen bzw. deutlich sichtbarer werden könnten.

Blasphemie ist einerseits ein Zeichen für die Verbundenheit des Gläubigen mit seinem Gott. Die künstlerische Auseinandersetzung lässt ihn nicht kalt. Das als Schmerz wahrgenommene Gefühl verdeutlicht den wunden Punkt. Der Schmerz verweist auf die richtige Stelle: „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort!“ (Gen 28,17) Sie wird in der lateinischen Motette „Locus iste“ von Anton Bruckner für das Kirchweihfest gesungen. Schmerz ist also mehr Ursprung als Zustand.

Der Gläubige erkennt in der Blasphemie ein Leiden und erfährt Mitleid. Dieses Mitleid darf allerdings nicht zu einem Selbstmitleid werden, da es sich dann an die eigenen Gefühle wendet und die Gefühle des Beleidigten außer Acht lässt.

Andererseits ist Blasphemie auch eine Anfrage an den Gläubigen, sich mit seiner eigenen Toleranz auseinanderzusetzen. Toleranz bedeutet dem Wort nach nicht Zustimmung der Darstellung, sondern ihr Ertragen. Das Ertragen ist in sich etwas sehr Christliches, wie bspw. in der Passion oder im Text des Matthäusevangeliums, wo es heißt: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“ (Mt 5,39)

Toleranz soll hierbei aber nicht falsch verstanden werden. Toleranz bedeutet nicht Untätigkeit oder das Gutheißen von Schmerzen und Leiden. Bei Toleranz geht es um eine aktive Haltung zur Gesamtheit der Schöpfung, inklusive ihrer Vielfalt in Meinung, Mitteilung und Weltsicht, die bspw. auch in Satire zu finden ist.

Konsequenzen und angemessene Reaktionen

Für Gläubige Christinnen und Christen gibt es einen klaren Appell: Keine Angst vor Blasphemie! Die Kirche als Institution sollte besser reagieren als mit juristischen Mitteln. Sie sollte klar Gewalt verurteilen und selbstbewusst über kränkenden Darstellungen stehen.

Für die christliche Toleranzschulung schlage ich einen Karikaturen-Preis für blasphemische Darstellungen vor. Als Kriterien dafür sind neben Ausführung und Stil auch die kreative Schaffenshöhe zu berücksichtigen. Mit der bewussten Fokussierung auf ein kritisches Werk wird die Möglichkeit zum Beginn eines Gesprächs geschaffen.

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