Silvester – Das Weihnachten der Freunde

Weihnachten ist geschafft, die Zusammenkunft der Familie hat sich bereits in den vergangenen Tagen wieder allmählich aufgelöst und die Angehörigen sind in ihre eigenen Welten zurückgekehrt. Die einen schwören sich, nächstes Jahr alleine zu feiern, die anderen denken, dass es so schlimm gar nicht gewesen ist und man es nächstes Jahr zu Weihnachten wieder versuchen sollte.

Ich erlebe in meinem Umfeld einen zunehmenden offen ironischen Umgang mit dem Thema Weihnachten und Familie. Die Erwartungen, die Geschenke und die unausgesprochenen Streitigkeiten. Bei diesen Spannungen ist es kaum vorstellbar, warum es ein Fest der Freude und Familie sein soll. Wer kann, ist bereits vor Weihnachten in einen längeren Winterurlaub geflüchtet und kommt erst im neuen Jahr zurück.

Nun ist Silvester und der letzte Tag des Jahres. Der Tag ist der Gedenktag des Heiligen Papstes Silvester I., der am 31. Dezember 335 gestorben ist. Auch zu diesem Tag gibt es ähnliche Erwartungen wie zu Weihnachten. Nur ist Silvester das Fest der Freunde, während Weihnachten das Fest der Familie ist. Freunde sucht man sich im Gegensatz zu der Familie selbst aus, sagt man. Familie und Freundschaften sind zwei wesentliche Elemente unserer sozialen Beziehungen, die unsere Gesellschaft ausmachen, auf der wiederum unsere Kultur gewachsen ist.

Vielleicht lässt sich an diesem Punkt bereits eine Verbindung zu den Erwartungen vor Silvester und Weihnachten erkennen. Allerdings sind Freunde auch nicht völlig frei gewählt. Wir lernen sie in einem sozialen Umfeld kennen, das wie bei dem sozialen Feld der Familie bereits vorhanden ist, wenn wir in dieses Umfeld eintreten: Die Schule, der Sportverein, die Arbeit, die Hochschule. Mit der Zeit können sich auch hier sehr enge Verbindungen entwickeln, die ähnlich starke Erwartungen hervorrufen wie die, die wir an die Familie haben.

Bereits im November oder eventuell noch früher beginnen die Planungen und Absprachen über das Wo und Mit-wem Silvester und Neujahr begangen werden soll. Bereits in dieser Phase zeigt sich, dass das Festlegen eines bestimmten Ortes oder Freundeskreises schwerfällt. Man möchte sich die Optionen offenhalten, den anderen Freunden nicht vor den Kopf stoßen oder auf ein besseres Event warten.

Im Vorfeld von Silvester kann es dann zu Unruhe zwischen den verschiedenen Freundeskreisen kommen. Verlieren tut der, der als erstes Verantwortung übernimmt und eine Entscheidung trifft, wo und ggf. mit wem gefeiert werden soll. Die Anspannung und Erwartungen entladen sich, Vorwürfe werden gemacht, Unzufriedenheit breitet sich aus.

Ich denke, viele verstehen, was ich mit diesen Schilderungen meine, auch wenn dies natürlich nicht auf alle Menschen zutrifft. Weihnachten und Silvester sind wichtige Feste unserer sozialen Beziehungen und lassen sich von daher manchmal als einen sozialen Stresstest erleben. Silvester ist das Weihnachten der Freunde, bei dem die persönliche Rolle in dem selbst gewählten Umfeld eine unfreiwillige Prüfung erfährt.

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