Pfingsten – Ein Fest gegen Fundamentalismus

Dieses Pfingstwochenende ist ein Studienfreund in Limburg zum Priester geweiht worden. Der Weg dahin ist lang, die Arbeitsbedingungen sind sonderbar. Dabei fragen sich viele, wozu es die Kirche noch braucht.

Die Corona-Pandemie bestimmt nach wie vor unseren Alltag. Unterricht, Arbeit und soziale Kontakte auf Distanz, das Gesicht hinter einer Maske verborgen und das drängende Bedürfnis, dass es endlich wieder weitergeht. In dieser Zeit hat sich mein Studienfreund aus Frankfurt in Limburg zum Priester der katholischen Kirche weihen lassen.

Sein Entschluss für diesen Weg kam natürlich lange vor Corona. Dennoch offenbaren die genannten Corona-Maßnahmen fundamentale Fragen über das menschliche Leben. Die Frage nach Heiligen Orten, die Frage nach dem Verborgenen und die Frage nach dem Sinn des ganzen Lebens. An diesem Samstag vor Pfingsten fand unter Einschränkungen durch die Pandemie im Limburger Dom die Weihe statt. Ich habe sie im Live-Stream verfolgt.

Die Weiheliturgie war visuell sehr schön umgesetzt und strahlte durch ihre Schlichtheit eine gewisse Demut aus. Die wenigen Gottesdienstbesucher und Zelebranten standen auf Abstand und trugen Masken. Die Musik kam von der Empore und die Händedesinfektion wurde wie selbstverständlich in den liturgischen Ablauf integriert.

Fundamentalismus

Eigentlich braucht es heute keine Kirche und auch keine Priester mehr. Wir Menschen können alles wissenschaftlich erklären und sehen in dem Coronavirus keine Bestrafung Gottes für unseren ausbeuterischen Umgang mit seiner Erde. Selbst in dem Gottesdienst scheint ja mit der Einhaltung von Hygieneregeln der wissenschaftlichen Vernunft der Vortritt gegeben zu werden.

Und dennoch legen sich vier Männer vor dem Altar auf den Boden, während eine lange Liste von Heiligen vorgesungen wird, deren Namen keiner so richtig kennt. Es muss doch eine Portion Fundamentalismus dazugehören, sich einem so radikalen Beruf zu verschreiben, der auch Konsequenzen für das Privatleben hat. Die Regeln der Kirche rufen immer wieder Kritik hervor. Es dürfen keine Frauen zu Priestern geweiht werden und homosexuellen Paaren wird ein Segen verwehrt.

Spannungen

Die immer weniger werdenden Katholiken in Deutschland stehen vor einem Spannungsfeld zwischen einer offenen Gesellschaft und einer verschlossenen Kirche. Dazu kommt, dass sie es mit einem Übersetzungsfehler im Hochgebet zu tun haben, der eine eigene Tradition kirchlichen Selbstverständnisses in der Gesellschaft in Deutschland nachvollziehbar macht.

Im Hochgebet wird gebetet, dass Jesu Blut „für alle“ vergossen wird. Die lateinische Vorlage „pro multis“ bedeutet hingegen „für viele“. Bischof Georg Bätzing gelingt in seiner Predigt, seinen Weihekandidaten mit Blick auf diese Spannungen etwas ganz entscheidendes für ihren Dienst als Priester mitzugeben: „Feiern Sie die Heilige Eucharistie mit vielen und für alle.“ Damit legt er ihnen einen perspektivischen Umgang mit der deutschen Tradition des Hochgebetes und der römischen Einheit nahe.

Eucharistiefeier

Am Pfingstsonntag mache ich mich auf den Weg nach Frankfurt zur Primiz, der ersten Eucharistiefeier meines Freundes. Auch dazu konnte er nur wenige Menschen einladen. Im Zug las ich Zeitung. In Anbetracht der Nachrichten aus Nahost musste ich wieder viel über Fundamentalismus nachdenken. Bereits in meiner Masterarbeit hatte ich mich mit dem Thema beschäftigt. Heute denke ich bei der Beobachtung der Diskussion über die Fragen nach Herkunft von Hass und Antisemitismus wieder neu darüber nach.

Ich selbst habe lange mit dem Gedanken gespielt, Priester zu werden. Mit der Zeit konnte ich aber meine damaligen Beweggründe erkunden und kann heute sagen, dass ich trotz unbeantworteter Fragen froh bin, diesen Weg nicht gegangen zu sein.

Mit einem Augenzwinkern und dennoch irgendwie todernst bezeichne ich mich heute als trockenen Fundamentalisten. Dabei ist wichtig zu bemerken, dass sich dieser Fundamentalismus ausschließlich gegen mein eigenes Leben bezog und ich keine Absichten hatte, in das Leben anderer physisch oder psychisch einzugreifen.

Wissenschaft

Nach meinen Erfahrungen mit der christlichen Theologie als wissenschaftliche Disziplin konnte ich die Auseinandersetzungen zwischen Heiliger Schriften und Naturwissenschaften immer als Bereicherung empfinden. Es gibt diesen Widerspruch auf Wahrheitsebene nicht.

In meiner Abschlussarbeit erklärte ich, vereinfacht gesagt, dass der Fundamentalist die Benachteiligung der mythischen Erzählungen über die Welt gegenüber der naturwissenschaftlichen Logik vermisst und diesen Zustand nicht hinnehmen kann.

Beim Fundamentalismus kann es zur Profanierung heiliger Texte kommen, indem ihnen ein falscher Wirklichkeitszustand, nämlich den der Aggregatszustände naturwissenschaftlicher Methoden, beigemessen wird. Ich möchte darüber aufklären, dass es Widersprüche zwischen Mythos und Logos so nicht gibt, da sie andere Kommunikationstypen sind.

Politik

Den heiligen Raum zu politisieren kann auch nicht der richtige Weg sein, weil der heilige Raum nicht für diese Art der Veränderungen geschaffen ist. Die Anwendung von logischen Erfahrungsmaßstäben kann mythischen Erlebnisschilderungen nicht gerecht werden.

Das bedeutet nicht automatisch Unveränderlichkeit! Die Veränderung geschieht über einen der eigenen lebenszeitlichen Dimension hinausgehenden Horizont. D.h.: Ich mache was in einem Geiste, von dessen praktischen Nutzen ich ausgenommen bin. Selbst Moses hat im Alten Testament eigenmächtig gehandelt, sodass er sein Ziel erreichen konnte, ohne es selbst erreicht zu haben:

Heilige Schrift

Mose durfte nicht ins gelobte Land, weil er Gott nicht geglaubt hatte. Als Moses Volk in der Wüste Wasser brauchte, sollte Mose mit einem Felsen reden, damit dieser Wasser hervorbringt. Aber Mose schlug mit seinem Stab auf den Felsen. Der französische Rabbiner Raschi hatte im Mittelalter einen umfangreichen und bis heute sehr bedeutsamen Kommentar zur Heiligen Schrift verfasst. Darin begründet Raschi Gottes Verwehrung Moses Einzug ins gelobte Land. Moses habe sich nicht mit Worten an den Felsen gewandt, sondern seinen Stab physisch eingesetzt. Trotzdem bringt der Fels das benötigte Wasser. Mose erreicht sein Ziel, aber doch nicht so, wie er sich das erhofft hatte.

Es geht bei der Erzählung im Alten Testament nicht darum, dass man durch das Besprechen eines Felsens Wasser hervorbringen kann. Um in der Wüste an Wasser zu kommen sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse gefragt. Der Mythos über das Wasser in der Wüste hat einen anderen Horizont. Nämlich der, dass unser Handeln mit unseren Fähigkeiten in unserem Leben eine Gotteserfahrung nach sich ziehen kann.

Gotteserfahrung

In der Predigt während der Primiz, die nicht mein Freund gehalten hatte, sprach der Pfarrer vom Priester als Brückenbauer. Der Priester wolle den Menschen eine Brücke zu seinen Erfahrungen mit Gott bauen. Denn Glauben könne nur, wer die Erfahrungen mache.

Ich selbst habe dabei festgestellt, dass ich zu einem kopflastigen Theoretiker geworden bin, der auf der Suche ist, sein Herz für die vielfältigen Erfahrungen Gottes Leben zu öffnen. Mir persönlich fehlt oft der Raum für intellektuelle Auseinandersetzung. Man könnte sagen, Pfingsten ist für unsere Gesellschaft so notwendig wie nie.

Gesellschaft

Wenn unserer Gesellschaft die Erkenntnis über Mythos und Logos verloren geht und wir eine Spaltung buchstäblich akzeptieren, sodass wir auf der einen Seite die Vernünftigen und auf der anderen Seite die Fundamentalisten haben, dann kommt es bei den Vernünftigen sowie bei den Fundamentalisten zu einem Verlust von Intellektualität. Keiner von beiden Seiten ist in sich besser, da die Erkenntnisfähigkeit absolut eingeschränkt ist.

Die Situation der Kirche widerspiegelt ein gesellschaftliches Gesamtproblem. Politik, Mythen, Überzeugungen und abbauender Intellekt fallen ineinander und erhitzen sich wiederum gegenseitig. Pfingsten ist ein Fest gegen Fundamentalismus und ich freue mich, dass ich nach der ersten Heiligen Messe meines Freundes mit dem von ihm gespendeten Primizsegen wieder in den Zug steigen kann.



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