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Zweiwegebagger im Einsatz am Bahnhof
Zweiwegebagger im Einsatz am Bahnhof | Foto: (c) 07.02.2022 Martin Bornemeier

Mobilität für alle beschneidet nicht die Freiheit der wenigen

Nach drei Monaten ist das 9 Euro-Ticket ausgelaufen. Der günstige Preis hat den Komfort des Autos erfolgreich kompensiert. Die Politik der FDP wird jetzt immer widersprüchlicher. Denn: Mobilität für alle beschneidet nicht die Freiheit der wenigen. Ein Kommentar.

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Ich fahre selten Auto und meist nutze ich Fahrzeuge älteren Semesters. Wenn ich dann mal wieder in einem Leihwagen sitze und mit der aktuellen Technik konfrontiert werde, habe ich den Eindruck, mehrere Jahre Entwicklung verpasst zu haben.

Das Auto fährt wie von selbst

Automatik, Spurassistent, Tempomat, Sitzheizung und -Lüftung. Ich sitze in einem Wagen, bei dem mich der Bordcomputer nur noch daran erinnert, das Lenkrad zwischendurch einmal anzufassen. Aber eigentlich fährt das Auto von selbst.

Der Pkw entwickelt sich spürbar und kontinuierlich weiter. Komfort, Infotainment und neue Antriebstechnik. Der Zustand der Straße und die anderen Verkehrsteilnehmer werden immer unwichtiger. Gute Autos fahren auch auf schlechten Straßen und stockender Verkehr erzeugt dank Abstandshalter keinen Stress für den Fahrer. Und je besser das Auto, desto weniger Sinn macht ein Tempolimit.

Eisenbahnromantik für rustikale Fans

Bei der Bahn beobachte ich Veränderungen in dem Ausmaß wie bei dem Auto nicht. Mal gibt es einen neuen Zug, wenn ein neuer Anbieter die Ausschreibung für eine Strecke gewinnt. Oder die Sanierung eines Bahnsteigs wird abgeschlossen und die Bahnsteigkante leuchtet wieder in einem hellen, unverbrauchten Ton dank neuem Beton. Trotzdem bleibt der Eindruck einer Dauerbaustelle bei der Bahn. Im Großen und Ganzen ist die Bahn vom alten Eisen.

Das erkennt man auch in der Symbolik. Die Bahn nutzt immer noch das Piktogramm eines Regenschirms für Gepäck. Früher war der Regenschirm ein beliebtes, qualitativ hochwertiges Stück. Heute ist der Regenschirm ein Wegwerfprodukt an das die Bahn in ihrer Bildsprache festhält.

Auf regionaler Ebene wird dem Nutzer von Bus und Bahn das Leben mit Verkehrsverbünden schwer gemacht. Komplizierte Tarifzonen, Übergangstarife, Grenzverkehr, Mitnahmeregelungen und kreative Ticketnamen. Und wer sich die Strafe für das Schwarzfahren nicht leisten kann, dem droht eine Ersatzhaft.

Das Auto ist besser als die Bahn

Obwohl ich selbst selten Auto fahre, gewinnt das Auto in Sachen Komfort, Zuverlässigkeit und Preisleistungsverhältnis meiner Meinung nach haushoch gegenüber der Bahn. Wenn man mit Bus und Bahn verreist, benötigt man zu Beginn oder am Ende der Reise eh meist das Auto.

Die Fahrt mit dem Auto schafft gegenüber dem Reisen mit der Bahn Distanz zu anderen Menschen. Insbesondere beim Bahnfahren im Regionalverkehr wird man mit unangenehmen Menschen konfrontiert und die eigenen Vorurteile auf eine harte Probe gestellt.

Bundesautobahn 3 bei Köln
Bild: Bundesautobahn 3 bei Köln – März 2020 (© Martin Bornemeier)

Auf der Straße sind wir alle gleich

Im Auto werden andere Menschen hingegen zu abstrakten Verkehrsteilnehmern. Vorurteile werden nur durch Fahrzeugtyp und Kennzeichen bestimmt. Das Aussehen des Fahrers ist meist nicht zu erkennen bzw. tritt in den Hintergrund. Auf der Straße sind alle Autofahrer gleich, auch, wenn sie unterschiedliche Autos haben.

Bei der Bahn ist das ganz anders. Bahnmitarbeiter müssen die Wut der Fahrgäste ertragen und bekommen stellvertretend für die Verantwortlichen den Ärger der Reisenden ab. Im Auto wird die Wut auf das „gegnerische“ Fahrzeug gerichtet und nicht auf die Person im speziellen.

Das 9 Euro-Experiment

Das 9 Euro-Ticket hat die Menschen dazu gebracht, die Nachteile des Bus- und Bahnfahrens buchstäblich in Kauf zu nehmen. Dass Lindner daraus eine „Gratismentalität“ macht, ist zynisch und unfair. Es geht schließlich nicht darum, dass Autofahrer ihrer Freiheit beraubt werden, wenn Menschen auch günstig mit dem ÖPNV fahren können. Vorzüge bei Bussen und Bahnen zu schaffen würde bedeuten, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz ernst zu nehmen.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will einen günstigen öffentlichen Personennah- und Fernverkehr nicht bezahlen. Gleichzeitig will er auch kein Tempolimit. Wer arbeitet, soll hingegen lieber einen Dienstwagen bekommen.

FDP in Widersprüchen

Die FDP, die im Wahlkampf noch mit Digitalisierung geworben hatte, macht sich hier total unglaubwürdig. Wer Digitalisierung versteht, weiß, dass sich Arbeit verändern wird. Homeoffice und Automation machen Jobs mit viel Pendelei überflüssig.

Außerdem müssen jetzt Investitionen folgen, wenn wir die Mobilität und die Wirtschaft in Richtung Klimaschutz verändern wollen. Der Club of Rome hat unter Beteiligung mehrerer Forscher eine radikale Kehrtwende und die Umverteilung des Reichtums gefordert.

Mobilität für alle beschneidet nicht die Freiheit der wenigen

„Wir werden die Welt nicht retten, wenn nicht die reichsten zehn Prozent die Rechnung bezahlen“, sagte Jorgen Randers. Er ist emeritierter Professor für Klimastrategie aus Norwegen und hat zusammen mit anderen Autoren eine neue Studie unter dem Namen „Ein Survivalguide für unseren Planeten“ herausgebracht.

Die Freien Demokraten bringen mit ihrer Politik das Gut der Freiheit in Gefahr. Es scheint so, als ginge es der Partei rund um Christian Lindner nicht um die Freiheit, sondern um die Wahrung des Status der Reichen und Privilegierten. Aber: Mobilität für alle beschneidet nicht die Freiheit der wenigen.



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