Karneval, Herkunft und Heimat

Es sind wieder einmal die heißen Tage der Karnevalszeit. Wenn ich zwischendurch nicht die Nachrichten geguckt hätte, wäre mir dies in meinem aktuellen Alltag möglicherweise nicht aufgefallen. Spätestens am Rosenmontag wäre der Groschen gefallen, wenn im Büro die Kolleginnen und Kollegen mit rheinländischen Wurzeln fehlen. In den Karnevalshochburgen wie Köln oder Mainz wäre spätestens seit gestern mit Altweiberfassnacht auch auf der Arbeit der Ausnahmezustand ausgebrochen, sodass sich auch Menschen aus Westfalen dem Treiben nicht entziehen können.

Bereits im Altertum lassen sich erste Ursprünge des Karnevals und seine Kennzeichen wie Gleichheitsprinzipien finden. Im Mittelalter begannen dann niedrigere Kleriker für eine kurze Zeit die Rechte ihrer Vorgesetzten zu übernehmen und Kirchenrituale wurden karikiert. Außerdem ließ man dem Treiben aus erzieherischen Gründen freien Lauf. Das Ausarten in der Zeit vor dem Aschermittwoch wurde mit Verweis auf den Kirchenlehrer Augustinus als civitas diaboli („Staat des Teufels“) zugelassen, da der Mensch ebenso wie die Herrschaft des Teufels vergänglich seien und ab Aschermittwoch die Rückbesinnung auf Gott und somit das Bekenntnis zu Gottes Sieg über Vergänglichkeit und Tod stattfand. Von daher beschreibt auch der Begriff der Fasnacht als Nacht vor dem Fasten diese besondere Zeit. Karneval selbst lässt sich zurückführen auf die lateinischen Begriffe carnalis („fleischlich“, „sündhaft“ oder „irdisch“) und vale dico („Lebewohl sagen“).

Inwieweit heute der Karneval als Vorbereitungszeit vor der Fastenzeit kulturell oder religiös eine Rolle spielt, kann ich nicht erörtern. Der Karneval ist bedeutsam und findet in vielen Regionen Deutschlands statt. Jeder kann am Karneval mitmachen und sich dem Treiben hingeben. Mich beschäftigt allerdings die Frage, inwieweit es mir persönlich möglich ist, mich dem Karneval als eigenständiges Kulturgut ganz hingeben zu können. Ich habe das Gefühl dem Karneval dem Grunde nach nie ganz nachfühlen zu können als es vielleicht die Menschen aus den Hochburgen tun. Muss man um den Karneval leben zu können in ihm aufgewachsen oder in ihn hineingeboren sein? Ist das eine Frage nach Herkunft oder Identität, die schnell rassistisch oder nationalistisch werden kann? Ist Karneval für mich nur Spaß und Ausgelassenheit auf Knopfdruck?

Diese Fragen bringen mich dazu, über meine Herkunft nachzudenken. Ich bin Westfale. Westfalen macht in etwa die Hälfte des Bundeslandes Nordrhein-Westfalens aus und überschneidet sich größtenteils mit der ehemaligen Provinz Westfalen in Preußen. Auch Teile Niedersachsens gehören zu Westfalen in denen der niedersächsische Dialekt des Westfälischen gesprochen wird. Die Sprache war schon immer ein wichtiges Kennzeichen für die Formung von Regionen, Gebieten und Ländern.

Harald Meves arbeitet als Bildungsreferent in Vlotho und macht schon seit vielen Jahren als Kabarettist ein Programm indem er ein spezielles Bild eines bestimmten Menschen in Ostwestfalen zeichnet: Den Nordostwestfalen. Mit seinen Ausführungen bringt er mich so zum Lachen, dass er mir zeigt, wo ich herkomme und auch welchen Nerv er damit bei mir trifft. Dieses vor Augen geführt bekommen ist wie ein Betrachten des Teils der Identität, den ich selbst nicht oder nur schwer selbst beeinflussen kann. Es fühlt sich an, wie eine vorbestimmte Größe, eine Abstammung oder ein unfreiwilliges Erbe. Der übrige Teil meiner Identität antwortet auf dieses Gefühl der Gesetztheit glücklicherweise mit viel Humor. Auch die so eng differenzierte Gruppe der Nordostwestfalen zeigt ja schon, dass in dem Versuch von Klassifizierung, Abstammung und Herkunft ein enormes Witzpotential steckt.

Mit der von Harald Meves gezeichneten Person des Nordostwestfalen wäre der Karneval für mich eigentlich die perfekte kulturelle Institution, Spaß und Ausgelassenheit per Knopfdruck zu erleben, da ich mich nicht selbst mit der Frage herumschlagen muss, wann ich Spaß haben darf oder soll. Aber dieses Gefühl, wirklich und ganz beim Karneval dabei zu sein, stellt sich nicht ein. Die Vermutung, in diese Kultur hineingeboren sein zu müssen, scheint als Antwort verlockend, da sie mir mein Missverständnis der Karnevalskultur erklärt.

Die Frage nach Herkunft ist als eine Frage nach Heimat derzeit ein sehr heißes Eisen und hoch aktuell. Horst Seehofer soll Minister im Heimatministerium werden. Der richtige Weg im Umgang mit Integration und Zuwanderung ist ein Streitthema. Die Offenheit einer Willkommenskultur trifft auf Abschottung durch „Heimatbewusste“.

Das Beispiel von Karneval und dem Nordostwestfalen zeigt mir, wie schwer es mir fällt, mich selbst mit meiner eigenen Herkunft, der Identität und der Heimat auseinanderzusetzen. Wie ich oben bereits beschrieben habe, unterscheide ich in zwei Teile der Identität. Der eine ist der gesetzte, vorbestimmte oder passive Teil der Identität. Der andere ist der antwortende, handelnde und aktive Teil meiner Identität. Zwischen dem passiven und dem aktiven Teil der Identität entsteht die Auseinandersetzung und schließlich auch das Selbstbewusstsein. Wichtig ist, dass nicht der passive Teil der Identität verantwortlich ist für die eigene Geschichte oder gar die bestimmende Größe zur Beantwortung der Fragen nach Identität und Heimat. Die eigene Geschichte wird in der inneren Auseinandersetzung der zwei Teile der Identität vorbereitet. Stichworte in dieser Auseinandersetzung sind dabei Zwiespalt, Hassliebe aber auch Humor. Es ist die Arbeit mit der eigenen Identität, die nach einer Lösung sucht. Heimat ist keine auf passive Identität zurückführbare Angelegenheit, das wäre nur Herkunft. Heimat ist die Sehnsucht nach Versöhnung mit der eigenen Identität! Ich muss nicht in den Karneval hineingeboren sein, um ihn leben zu können. Ich muss aber auch nicht den Karneval leben können, sondern kann ihn, mit viel Humor, per Knopfdruck und als Anlass zum Spaß und zur Ausgelassenheit nehmen. Vielleicht kann ich den Karneval auch andererseits einfach als kulturelles Ereignis begreifen, den „irdischen“ Maßstäben von Identität, Herkunft und Heimat im Bewusstsein der Vergänglichkeit und Möglichkeit der Überwindung „Lebewohl“ zu sagen.

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