Essen in Essen

Die Essener Tafel ist ein eingetragener Verein, wie es ihn in vielen anderen Städten auch gibt. Ihre Aufgabe ist es, Lebensmittel an bedürftige Personen auszugeben. Die Lebensmittel werden aus Überschüssen bezogen, die als Spende der Tafel überlassen werden und kein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum haben. Unterstützen kann man die Tafel auch mit Geldspenden oder persönlichem Engagement. Zu den Förderern zählen neben Privatpersonen auch Firmen.

Wer an der kostenlosen Lebensmittelausgabe als Bezieher interessiert ist, kann sich in Essen immer mittwochs anmelden. Voraussetzung hierfür ist ein Nachweis der Bedürftigkeit, z.B. als ALG II- oder Wohngeldempfänger. Bei erfolgreicher Anmeldung erhält der Antragsteller eine Kundenkarte mit einer festgelegten Abholzeit und einem festen Abholort. Die Essener Tafel hat neben dem Steeler Wasserturm weitere Ausgabestellen, an denen der Kunde einmal wöchentlich für die Schutzgebühr von einem Euro Lebensmittel erhält. Die ausgegebenen Lebensmittel stellen nicht die Vollversorgung des Bedürftigen sicher, sondern sind als Ergänzung gedacht. Zudem gibt es keine warme Mahlzeiten bei der Tafel. Der Bezieher hat keinen Anspruch auf eine bestimmte Auswahl an Lebensmitteln, da die Ausgabe von den aktuellen Spenden abhängig ist. Unentschuldigtes Versäumen der Ausgabezeit kann bei Wiederholung zum Ausschluss vom Tafel-Programm führen.

Die Änderung des Verfahrens zur Aufnahme als Kunde bei der Essener Tafel, die nun für Aufregung sorgt, lautet gemäß der Seite im Netz wie folgt:

„Da Aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahre, der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75% angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen.“

Die Bezugsberechtigung bei der Essener Tafel gilt immer für ein Jahr. Daher muss hier deutlich gemacht werden, dass sich die Maßnahme, unabhängig davon, wie sie bewertet wird, nicht an die Bestandskunden, sondern auf die Neuaufnahmen auswirkt. Die Entscheidung sei nach dem Leiter der Essener Tafel, Jörg Sartor, nicht auf Ausländerfeindlichkeit zurückzuführen, sondern auf das Unwohlbefinden alleinerziehender Mütter und älterer Menschen, die zur Lebensmittelausgabe in der Warteschlange stehen. Der Ausländeranteil liege bei 75% der Bezugspersonen und schrecke manche Menschen ab, wie die Begründung Sartors in der Zeit wiedergegeben wird. Die Entscheidung klingt dennoch nach gegen Ausländer und für Deutsche. Verwaltungstechnisch hört sich das schon etwas ruhiger an. Die Voraussetzung ist ein Personalausweis, wie bei vielen anderen bürokratischen Angelegenheiten auch. Es bleibt der bittere Beigeschmack und die Frage, ob es nicht andere Lösungen hätte geben können.

Und die gibt es, wie der Deutschlandfunk berichtet. So habe die Tafel Bochum-Wattenscheid einen arabisch-sprechenden Mitarbeiter, der die Vermittlung übernehmen kann, wenn es zu Unstimmigkeiten kommt. In Oberhausen, wo es ebenfalls einen hohen Ausländeranteil unter den Beziehern gibt, werde ein Losverfahren eingesetzt. Andere Lösungsvorschläge seien gruppenspezifische Öffnungszeiten, sodass es nicht zu Auseinandersetzungen kommen kann.

Aber was lehrt die Geschichte über den Aufnahme-Stopp bei der Essener Tafel von Menschen ohne deutschen Pass? Die Meldung aus Essen ist natürlich ideal für die politische und mediale Ausschlachtung des Themas. Auch dieser Text befasst sich schließlich mit dem Problem. Nach Bekanntgabe der neuen Regelung zur Aufnahme kam es zu Schmierereien an Türen und Fahrzeugen der Essener Tafel, wie etwa mit dem Schriftzug „Nazis“. So eine Aktion hat meiner Meinung nach mehr die mediale Aufmerksamkeit im Blick, als die Benennung des Problems oder noch besser einen Lösungsvorschlag zu machen.

Wir müssen lernen, von der Aufregung zur Anregung zu wechseln. Wer ganz nach links rückt, schlägt irgendwann rechts wieder an. Es geht nicht um Kollaboration oder Solidarisierung, sondern um Inspiration. Dazu ist nicht ein Einzelner verantwortlich, sondern die Menschen um den Verantwortlichen herum, die ihm ein gesundes Umfeld bieten, aus dem heraus er inspiriert wird und gute Entscheidungen treffen kann. Der Verantwortliche wird dadurch nicht automatisch frei von Fehlern, allerdings kann sich die Gesellschaft nicht aus der Affäre ziehen, indem sie nur anprangert und ihre Meinung sagt. Meine Idee ist, aus dem Dilemma eine Tugend zu machen: Die Essener Tafel könnte nun die mediale Aufmerksamkeit nutzen, eine geschickte Werbe-Kampagne zu starten, um für Unterstützer und um Spenden zu werben oder um politischen Druck aufzubauen, das wirkliche Problem anzugehen. Dass eine Einrichtung wie die Tafel überhaupt von so vielen Menschen aufgesucht werden muss, sollte doch Fragen über unseren Sozialstaat aufwerfen. Diese Strategie liefert nicht die unmittelbare Lösung des Problems, sie schafft aber einen Inspirationsraum, der eine mittelbare Perspektive eröffnet, die viel mehr Verantwortungsbewusstsein beweist, als alle lauten Stimmen derzeit insgesamt.


Die Erläuterungen zum Vergabeverfahren bei der Essener Tafel habe ich direkt auf ihrer Internetseite nachgelesen. Die aktuellen Informationen zum dem Fall stammen von Deutschlandfunk, Zeit Online und Welt.de.

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