Einfach mal den Stecker ziehen

In dem Film Matrix von den Wachowski-Geschwistern aus dem Jahr 1999 geht es um die Frage nach der Realität und das Leben in Freiheit. Dem Film lassen sich philosophische Gedankenspiele wie dem Höhlengleichnis von Platon sowie dem Gehirn im Tank, bei dem es darum geht, ob das Gehirn überhaupt in der Lage ist, auszuschließen, dass es alle Empfindungen nicht von einem Computer vorgeführt bekommt. Alles im Allen sind dies Fragen der Erkenntnistheorie.

Für mich war damals die Vorstellung sehr unheimlich, dass durch das Ziehen des Steckers ein Menschenleben beendet werden konnte. In dem Film war es so, dass sich die befreiten Menschen aus der Wirklichkeit mit einem Stecker, der über den Hinterkopf an das Gehirn angeschlossen wurde, in die Realität der Matrix einklinken konnten. Während sie mit ihrem physischen Körper in der echten Welt und mit dem Geist in der Matrix waren, führt das ziehen des Steckers unmittelbar zum Tod, da für den Geist die Welt in der Matrix echt ist. Die Auflösung von Geist und Körper ist somit gewissermaßen mit dem Tod identisch.

Im entferntesten Sinne können die zwei Realitäten auch mit offline und online bezeichnet werden. Die Möglichkeit des Steckerziehens ist allerdings nicht immer einfach. Viele Verbindungen sind heute drahtlos, Maschinen und Computer werden nie ausgeschaltet. Online-Verweigerung funktioniert quasi nicht, da über die Informationen der anderen Teilnehmer die Lücke errechnet und schließlich rekonstruiert werden kann. Auch diese Gedanken empfinde ich als unheimlich. Ich kenne noch die Zeit, in der es möglich war, Geräte auszuschalten, indem man den Stecker zog oder den Akku herausnahm. Das war insbesondere dann sehr hilfreich, wenn sich ein Gerät aufgehängt hatte und ein normaler Neustart nicht klappte.

Vor einigen Wochen hatte ich Probleme mit meinem iPhone, das sich immer wieder aufhängte und keine Regung auf meine Eingabeversuche zeigte. Ich hatte ähnliche Schwierigkeiten mit einem älteren Modell, das ohne meinen Willen Kontakte anrief und ich diesen Vorgang nicht abbrechen konnte. Diese Erfahrungen über den Kontrollverlust waren so unheimlich, dass ich selber lieber den Stecker gezogen bzw. den Akku herausgenommen hätte. Beim iPhone ist es allerdings nicht möglich den Akku zu entfernen und somit das Gerät abzuschalten. Sollten Hersteller von technischen Geräten daher dazu verpflichtet werden, die Möglichkeit des Steckerziehens vorzuhalten?

Den Stecker zu ziehen ist auch eine Metapher aus der Medizin, bei der es um den Umgang mit bspw. Gehirntoten geht, die lediglich über die Maschinen am Leben erhalten werden oder um totkranke Menschen, deren würdevolles Sterben durch die Maschinen erschwert wird. Oftmals ist es in diesen Situationen so, dass jemand anderes die Entscheidung über das Steckerziehen treffen muss.

Was ist aber, wenn wir sowieso Gehirne im Tank sind und wer anderes unseren Stecker zieht? Sieht es dann nur so aus als würden wir auf natürliche Weise, durch eine Krankheit oder einen Unfall gehen? Dürfen wir überhaupt über Leben und Tod verfügen?

Ich denke, es ist einfacher ein Recht auf Steckerziehen bei Maschinen zu fordern als beim Menschen. Der Mensch sollte die Maschine nicht zu einem Teil von ihm sondern immer zu einem Werkzeug des Menschen machen. Diese Entscheidung ist unabhängig von der Möglichkeit ein Gehirn in einem Tank zu sein.

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