Digitalisierung als Ausrede

Der Traum von digitaler Schule ist das Tablet für alle SchülerInnen. Doch das Geld könnte besser investiert werden. Gewinner der Digitalisierung sind die Hersteller und Verkäufer.

Corona hat in den vergangenen Monaten in vielen Bereichen der Gesellschaft die Digitalisierung vorangetrieben. Widerstände gegen Homeoffice oder elektronische Behördengänge wurden abgebaut. Jetzt in der zweiten Welle droht ein erneuter Lockdown. Besonders treffen wird dieser wieder einmal die Schulen.

SchülerInnen ins Homeschooling zu schicken wäre hier, analog zum Homeoffice von ArbeitnehmerInnen und Selbstständigen, die effizienteste Methode, Kontakte und Infektionen zu verhindern. Für effizientes Homeschooling werden Laptops oder Tablets für alle SchülerInnen benötigt.

Investitionen in Tablets nicht nachhaltig

In der Schule zeigt sich die Benachteiligung von Kindern aus einkommensschwachen Familien. Laptops oder Tablets für alle würde die Chancengleichheit erhöhen. Geld für Investitionen ist da. Auch unabhängig von Corona brauchen Schulen mehr digitale Ausstattung, um eine zeitgemäße Ausbildung zu ermöglichen.

Ein großes Problem von digitalen Produkten ist allerdings ihre schnelle Alterung. Mit einer einmaligen Investition in neue Geräte ist die Sache nicht erledigt. Hinzu kommen Kosten für die Einrichtung und Betreuung der Systeme. Ungleichheiten zwischen armen und reichen Schulen verschärfen sich, da wohlhabende Schulen eher attraktive Stellen für Systemadministratoren und Informatiker schaffen können.

Beim Kauf von digitaler Technik in Schulen wird letztendlich nur Geld verbrannt. Die Investitionen in digitale Produkte sind nicht nachhaltig. Gewinner der Digitalisierung an Schulen sind allein die Hersteller, Händler und Lizenzgeber, die mit ihren Einnahmen eine marktorientierte Beschleunigung der technischen Entwicklung voranbringen und öffentliche Einrichtungen weiter abhängen.

Mehr Geld für kleine Klassen

Corona zeigt, dass es bessere Lösungen gibt. Geld, das jetzt da ist, sollte in mehr Personal investiert werden. Kleinere Klassen würden eine bessere Betreuung ermöglichen und gleichzeitig das Infektionsrisiko minimieren. Die Schule braucht mehr QuereinsteigerInnen aus allen Bereichen. Es sollte für ArbeitnehmerInnen bspw. möglich sein, ein Gap-Year als Lehrkraft an einer Schule zu absolvieren.

Die Politik denkt zu kurz und will Sofortmaßnahmen, die sich zeigen lassen. Es braucht mutige PolitikerInnen, die richtige Entscheidungen treffen, in dem Bewusstsein, selbst keine Anerkennung während ihrer Amtszeit für ihr Engagement zu erhalten.

8 Gedanken zu „Digitalisierung als Ausrede“

  1. Die Vorstellung mag ja ganz interessant sein, wirft aber mE viele praktische Probleme auf:

    Auf die notwendige didaktische (und pädagogische) Ausbildung wurde ja bereits hingewiesen. Das kann man nicht im Hauruckverfahren lösen, sodass ein Einsatz bei einem eventuellen Lockdown in diesem Winter sowieso nicht in Frage käme.

    Hinzu käme die Frage, nach welchen Kriterien die potenziellen Zusatzkräfte eigentlich ausgewählt werden sollen? Reines Fachwissen? Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit? Gibt es gesundheitliche Mindeststandards (um zB sichergehen zu können, dass die Leute auch in einer Pandemie vor der Klasse stehen könnten). Was, wenn es nicht genug Leute gibt, die sich bewerben und den Mindestkriterien entsprechen? Wer soll die formulieren?

    Wie werden diese Leute verteilt? Suchen sich alle das Kleinstadtgymnasium im Grünen aus oder ginge auch jemand freiwillig in die Brennpunkt Hauptschule? Und wenn man die Leute verteilt, was macht man, wenn diese nicht an den entsprechenden Schulen unterrichten möchten? Wenn die besten Leute nur zu den besten Schulen kämen, dann hättest du denselben Effekt, den du bei der Investition in Technik ebenfalls hast.

    Wie verteilt man die Zusatzlehrkräfte innerhalb der Schulen? Sind diese den voll ausgebildeten Lehrkräften gleichgestellt? Auch finanziell? Wenn nein, dürften sie überhaupt Noten vergeben? Wie reagiert man, wenn Eltern verlangen, dass ihr Kind von „einer echten Lehrkraft“ ausgebildet werden soll? Was passiert, wenn der Notfallbedarf aufhört, müssen die Leute direkt zurück in ihre alten Jobs? Wie verhindert man, dass solche Leute evtl. bei der Rückkehr diskriminiert würden (wie es ja durchaus bei Vätern, die mehr als das Mindestmaß an Elternzeit wahrnehmen durchaus ab und an der Fall ist)?

    Was sind kleinere Klassen? Maximal 20 Personen? Oder 15, 10 oder gar 5? Irgendwann stellt sich mir dann auch die Frage beim Präsenzunterricht, ob es überhaupt genügend Räumlichkeiten an den Schulen gäbe, um diese alle getrennt unterzubringen?

    Und was ist mit Kindern und Jugendlichen, die selbst zur Risikogruppe gehören? Bekommen die dann doch Einzelunterricht im Homeschooling oder muss man sich damit abfinden, dass die zurückfallen werden?

    Außerdem sollte man berücksichtigen, dass viele Leute vermutlich nach einem motivierten Beginn eventuell merken werden, dass der Unterricht doch nichts für sie ist, relativ schnell wieder aussteigen würden, sodass für diejenigen, die eigentlich als Backup für die regulären Lehrkräfte gedacht waren, zumindest in der Anfangszeit, ein Backup mitgedacht werden muss.

    Ich habe ja nun auch ein wenig Erfahrung mit Bildungs- und Vermittlungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, aber eben auch in einem ganz engen Rahmen (außerschulischer Lernort, Lehrer meistens dabei, Gewissheit, nach i.d.R. maximal drei Stunden nichts mehr mit den Kindern zu tun haben zu müssen) und würde mir keinesfalls zutrauen, klassischen Unterricht in der Schule auch nur ansatzweise durchführen zu können.

    Ich kann mir das in dieser Masse maximal als ergänzendes Element zum Unterricht durch Fachkräfte vorstellen, aber ich bezweifle stark, dass es in der Menge, die du ansprichst, dauerhaft funktionabel wäre.

    Die implizite Forderung – zumindest nehme ich das zwischen den Zeilen deines Texts wahr – dass Schulen solange, wie irgend möglich offenbleiben sollen, halte für schwierig zu vermitteln, wenn wir auf der anderen Seite wieder ganze Wirtschaftszweige von einem Lockdown betroffen wären.

    1. Ja, da gibt es viele Fragen, die bei „Lehrkräften auf Zeit“ geklärt werden müssen. Allerdings ist das in meinem Beitrag auch nur ein Nebenaspekt, den ich als Idee mit angeführt habe, um zu signalisieren, dass es bei kleineren Klassen mehr Personal braucht und somit auch neue Ideen der Personalgewinnung entwickelt werden müssen.
      Mein Hauptanliegen des Beitrags ist, das Geld in Personal und nicht einfach nur in Technik zu investieren. Mit dem Geld könnte man mehr reguläre Lehrstellen schaffen und bspw. auch Programme wie „Lehrer auf Zeit“ aufbauen.
      Vielen Dank für deine ausführliche Rückmeldung, Markus!

  2. In der Tat: der Faktor Personal wird von der Politik ausgeblendet. Kostet ja auch mehr als eine einmalige Hardwareanschaffung (die morgen schon veraltet ist). Dabei gibt es in der Pädagogik einen Faktor, der am allerwichtigsten ist: Zeit. Die Zeit, sich jedem Kind angemessen zu widmen. Das kann kein Tablet ersetzen.

    1. Ich finde den Aspekt mit der Zeit einen ganz wichtigen Hinweis, Christoph! Und Zeit schafft man am besten, wenn mehr LehrerInnen sich um weniger SchülerInnen kümmern müssen. Ich denke, das zahlt sich mehr aus, als allen einfach nur Tablets zu geben.

  3. Aus eigener Erfahrung (nicht-ausgebildeter Lehrer, aber Dozent an einer FH, mit einer Informatikklasse Jugendliche von der 7. bis zu 10. Klasse) kann ich nur berichten, dass es nicht nur für den Lehrer, sondern auch für die Schüler ein anderes Gefühl ist, wenn jemand von extern dazu kommt.

    Ich hab Schüler dabei, die sehr offen zu mir sind und gut am Unterricht teilnehmen, während ich von anderen Lehrern höre, dass der-/diejenige eher ein Problemfall ist. Natürlich ist das vllt auch eine Frage wie man seinen Unterricht gestaltet und den Schülern den eigenen Freiraum gibt und wie sehr man an einen Lehrplan gebunden ist (da hab ich eher das Glück sowas nicht berücksichtigen zu müssen).

    Und genau da ist ein Problem. In einer meiner ersten UE sollten die Schüler eine kleine digitale Präsentation über sich selbst anfertigen. Das klappt leider gar nicht. Der Umgang hingegen mit dem Browser/Spielen fiel allen leicht, aber die einfach Grundlagen, wie Ordner und Dateien anlegen leider nicht. Das ist eine Sache, die man schon viel früher angehen müsste und das auch in anderen Fächern. Aber auch hier gibt es eine eingeschränkte (altersbedingte) Bereitschaft zur digitalen Lehre. Zu Teilen ist es da auch so weit, dass die Schüler den Lehrern manche Tricks der digitalen Welt zeigen müssen. Das war ein Problem, dass wir schon zu unserer Schulzeit hatten, wenn ich da so an einige Informatiklehrer unserer Schule denke.

    Ich finde es super, dass du das Thema aufwirfst. Vielleicht ist es mal an der Zeit, dass wir als Alumni unserer Schulen unsere Hilfe anbieten und sowohl Lehrer als auch Schüler mehr in die digitale Welt führen.

  4. Sehr schön zusammengefasste Kernargumente. Allerdings kann eine Integration von Quereinsteigern, so reizvoll sie auch ist, nur funktionieren, wenn diese Leute pädagogisch und didaktisch ausgebildet sind. Ich kann noch so viel zu sagen haben, wenn ich es nicht adressatengerecht an den Mann oder die Frau bringen kann…

    1. Vielen Dank für die Nachricht, Martin! Ja, einfach jeden unausgebildet auf eine Klasse loszulassen, ist nicht der richtige Weg. Ein Hintergedanke bei den Quereinsteigern bzw. bei „Lehrern auf Zeit“ war, die Schule stärker in die Gesellschaft einzubinden, damit das Bewusstsein für Bildung bei möglichst vielen Menschen präsent ist. Vielleicht wäre ein Modell ähnlich wie beim Bundesfreiwilligendienst denkbar, der sich auch an ältere ArbeitnehmerInnen richtet. So könnte die Schule wiederum auch von der Gesellschaft profitieren.

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