Digitale Welt

„Digitaler Wandel“ oder „Digitalisierung“. Begriffe, die Teil der Diskussionen über die Vernetzung von Gesellschaft und Wirtschaft sind. Die Forderung nach einem eigenständigen Digitalministerium in der noch neuen Regierung wurden nicht erhört. Dorothee Bär hat für diese Aufgabe den Posten der Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt übernommen. Die Arbeitswelt von heute stellt sich in nahezu allen Bereichen den Herausforderungen im Umgang mit dem Thema der Digitalisierung.

Julia Ziegler studiert Geschichte am Historischen Seminar an der Universität Münster. Sie ist ehrenamtliche Koordinatorin des Arbeitskreises „Digital Humanities” und arbeitet eng mit dem Entwicklungskoordinator für eScience an der Universitäts- und Landesbibliothek, Marc Schutzeichel, zusammen. „Digital Humanities“ steht für die Verknüpfung von Geistes- und Kulturwissenschaften mit den Vorzügen der Digitalisierung. Um die neuen digitalen Möglichkeiten für die Wissenschaft nutzbar zu machen und um das Thema zu organisieren, gründete sich im Sommer 2017 das „Center for Digital Humanities“.

„Digital Humanities kann vieles und wenig bedeuten“, sagt Ziegler. Die Auswahl der Methode richte sich danach, was man machen möchte. In Deutschland sei dies leider noch nicht so angekommen. „Die Möglichkeiten sind unglaublich vielfältig“, meint Ziegler. Es entstehe ein eigenes Ökosystem um die Sache herum, fügt Schutzeichel hinzu, indem man digital arbeitet und seine Anwendungen frei für andere zur Verfügung stellt. Durch die Kommunikation entstehen neue Diskurse, was gut für die Wissenschaft sei. Die „Community“ hinter den „Digital Humanities“ setze sich für eine offene Wissenschaft ein.

Nach Ziegler werde darüber diskutiert, was die „Digital Humanities“ genau sind. Das eine seien die neuen Methoden, die damit zur Verfügung gestellt werden. Das andere begreift sie als eine neue Art von Wissenschaft. „Ich finde, es ist beides und steht noch ganz am Anfang. In den nächsten Jahren wird sich bestimmt noch einiges festigen“, sagt sie. Jede Disziplin wird möglicherweise seine eigene kleine digitale Schwester bekommen.

Der Wissenschaftler Martin Hilbert sieht das Jahr 2002 als den Beginn des digitalen Zeitalters, da seitdem mehr digitale als analoge Informationen gespeichert werden konnten. „Digitalisierung“ bezeichnete zunächst die Umwandlung analoger Informationen in digitale Inhalte. Heute meint Digitalisierung zudem auch die Digitalisierung der Arbeitswelt. Digitalisierung ist nicht mehr nur die Übertragung eines analogen Formates in ein digitales, sondern die Verarbeitung der digitalen Inhalte unter sich. Außerdem gehört auch der Breitbandausbau in Deutschland zu diesem Begriff. Der Digital-Index 2017 der „Initiative D21“ gibt an, dass 81 Prozent der Deutschen mindestens ab und zu das Internet benutzen.

Für Schutzeichel werde das Präfix „Digital“ in den „Digital Humanities“ möglicherweise in der Zukunft verschwinden, da es als selbstverständlich angenommen und längst Einzug in die Wissenschaft gehalten haben wird. Die „Digital Humanities“ zeichnen sich durch die Beziehung von neuem und altem Arbeiten aus. Das Interesse an dem Thema sei groß, darum habe man sich in Münster dazu entschlossen, dies zu organisieren. „Das Bewusstsein für Digital Humanities muss langsam aufgebaut werden“, sagt Schutzeichel.

Die bedeutsamste Veränderung für das digitale Arbeiten im akademischen Bereich sei für Ziegler, dass sich viel mehr Quellen durch den Computer erschließen lassen. Großer Vorteil sei nach Schutzeichel außerdem, dass sich Ergebnisse schneller und einfacher mit Hilfe der Computer und Algorithmen nachprüfen lassen. „Ein gesundes Maß an Skepsis ist erforderlich“, ergänzt Ziegler, da die Ergebnisse noch stärker von der gewählten Methode und des Programms abhängen. Ziegler sieht in der neuen, digitalen Arbeitswelt eine große Chance: „Die Kapazität des Menschen wird erweitert, ohne dass seine Kritikfähigkeit gemindert werden muss.“

„Digitalisierung wird als Begriff für die Arbeitswelt gebraucht“, erläutert Schutzeichel. „Der Computer macht innerhalb seines Algorithmus keine Fehler.“ Digitalisierung stehe letztendlich für eine Technologie, die den Einzug in die Gesellschaft geschafft habe. Ziegler verweist darauf, dass vieles von der eigenen Einstellung abhänge, es biete viele Vor- aber auch Nachteile, da das Problembewusstsein bereits bei der Vorbereitung einer Datenanalyse verstärkt gefordert werde. Die Informationen müssten vorsichtig behandelt werden und es sei erforderlich, dass man wisse, wie man damit umzugehen hat. Schutzeichel gibt zu erkennen: „Die Geschwindigkeit lässt sich auf die Wissensrepräsentation anwenden. Erst im zweiten Schritt gibt es einen Vorteil für die Erkenntnis.“

Die größten Herausforderungen sehe Ziegler in der Frage nach den Standards bei den Verfahren, Anwendungen und Arbeitsweisen. Schutzeichel fügt hinzu, dass es mehr Gestaltungsfreiheit gäbe: „Es ist leider oft leichter von Null anzufangen, als sich in einen vorhandenen Standard einzuarbeiten“, sagt er. Ein anderes Problem ergibt sich zudem durch das Fehlen intuitiver und einheitlicher Oberflächen für die unterschiedlichen Anwendungen.

Schutzeichel erklärt, dass der Computer einem nicht das Denken abnehme. Für ihn laufe es mittlerweile darauf hinaus, dass es ohne digitale Kenntnisse wahrscheinlich kaum mehr Chancen auf akademische Jobs geben werde. Generell sei eine positive und aufgeschlossene Haltung zu dem Thema erforderlich, sind sich beide einig. An der Juniorprofessur für die Geschichte des Hoch- und Spätmittelalters von Torsten Hiltmann werden die „Digital Humanities“ bereits als eigener Schwerpunkt in der Lehre angeboten. Bald wird das „Center for Digital Humanities“ seine ersten vier Stellen besetzen, um das digitale Arbeiten an der Universität Münster voranzubringen.

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