Die Kultur des Karnevals und der Exzess

Der Rosenmontag ist im vollen Gange und noch bis in die späte Nacht hinein und den kommenden Tag wird weitergefeiert. Die Kultur des Karnevals ist in die Diskussion geraten, nachdem die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker sich negativ über die Zustände des Karnevals äußerte und dabei Bezug auf den 11.11. vergangenen Jahres nahm. Für sie sei der Karneval zu einem „allgemeinen Besäufnis“ geworden. Christoph Kuckelkorn, der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, zeigte sich daraufhin über die Worte seiner Oberbürgermeisterin verärgert und betonte die positive Bedeutung des Karnevals für die Stadt und die Menschen. Nach dem Schriftsteller Navid Kermani, der in Köln wohnt, könne der Exzess des Feierns und des Alkohols auf den Wohlstand in unserer Gesellschaft zurückgeführt werden. Der Spaßgesellschaft gehe es nicht darum, wie kurz nach dem Krieg, die Sorgen für ein paar Tage vergessen zu können. Das Besondere des Feierns leide unter dem Angebot an der Vielfalt an Möglichkeiten.

Im Fokus steht also der Exzess und die damit verbundenen Probleme von Wildpinklern, Müll und Pöbeleien. Die Stadt hat bereits Maßnahmen ergriffen, um den Problemen entgegenzuwirken. Bereits die Feierlichkeiten der Saturnalien bei den Römern standen in Verbindung mit einem öffentlichen Gelage. Neben der Aufhebung der Standesunterschiede, wo z.B. die Sklaven plötzlich zusammen mit ihren Herren feierten, und der allgemeinen Lockerung der Moral, kam es auch zur Wahl eines Saturnalienfürsten, der mit dem Titel rex bibendi, dem „König des Trinkens“ versehen sein konnte. Neben dem Weinkonsum war in der Zeit der Saturnalien auch das Würfeln um Geld erlaubt. Daraus entstand später der Mummenschanz, eine Bezeichnung für Würfelglücksspiel, das im Karneval zusammen mit Maskenumzügen gespielt wurde. Später beschrieb der Mummenschanz einfach die Maskerade als solche.

Das Thema ist so gesehen nicht neu. In der Geschichte des Karnevals taucht die Auseinandersetzung zwischen ausgelassenem Feiern und die Wahrung der öffentlichen Ordnung immer wieder auf. Von 1353 bis 1369 gab es eine Order des Erzbischof Wilhelm von Gennep für seine Ordensleute und Kleriker, die den Verkauf und den Ausschank von Alkohol an Karneval verbot. 1412 beschloss der Kölner Stadtrat Spiele und Tänze an geheimen Orten zu untersagen. 1487 und ab 1609 gab es immer wieder Verbote gegen Mummerei und den Karneval, die vermutlich auf Exzesse zurückzuführen sind und die Bewahrung der öffentlichen Ordnung zum Ziel hatten. Im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert wurde der Karneval von der französischen Besatzung in Köln gänzlich verboten. Der Karneval hatte massiv an Ansehen eingebüßt und die anfängliche Mummerei der Handwerksgesellen im öffentlichen Raum wanderte zu den exklusiven Maskenbällen des Bürgertums ab, sodass es nahezu keinen Straßenkarneval mehr gab.

Dies soll bis hierher als kurze geschichtliche Skizze genügen, damit nun ein genauerer Blick auf den Exzess gewagt werden kann. Wortwörtlich ist Exzess auf das lateinische excedere zurückzuführen, was soviel wie „weggehen“, „auswandern“ oder auch „aus dem Knabenalter treten“ bzw. „eine Grenze überschreiten“ bedeuten kann. Das excedere hat von seiner Bedeutung her Ähnlichkeiten mit adolescere, was mit „heranwachsen“ oder „erstarken“ übersetzt werden kann, und transcendere, das „überschreiten“, „übersteigen“ oder „übertreten“ im Deutschen entsprechen kann. Neben Exzess lassen sich also Adoleszenz und Transzendenz als wichtige Begriffe anführen, denen ich nun nachgehen möchte.

Aufgrund der Problematik des bedingten Seins (Kontingenz) und den Grenzen des Lebens, entwickelte die Religion Möglichkeiten der Übertretung dieser Grenzen. Im Christentum spricht man von der Transzendenz. Die Transzendenz bildet zusammen mit der Immanenz, die quasi den Standpunkt in der unmittelbaren Umgebung beschreibt und von der aus keine Grenzübertretung notwendig ist, den Kosmos des trinitarischen Gottes. Aus diesem Bewusstsein heraus überlegte die Gemeinschaft (zurückführbar auf ecclesia, was mit „Kirche“ übersetzt werden kann), welche Lebensweise angemessen ist. So wird bis heute über Moral gestritten, was nicht nur ein kirchliches, sondern immer ein gesellschaftliches Thema ist. Eine Gemeinschaft, oder auch eine Gesellschaft, braucht einen gemeinsamen Wertehorizont wie die Moral, wenn sie nicht kurzfristig bestehen will. Beim Aufwachsen in einer Gesellschaft erfährt das Kind einen besonderen Schutzstatus, was es davor bewahrt, sich in der Gesellschaft schuldig zu machen. Mit dem Heranwachsen, der Adoleszenz, wächst es in diese Gesellschaft hinein und übersteigt die Grenze zwischen der schützenden Kindheit und dem verantwortungsvollen Erwachsen sein. Jetzt kann der Mensch selbst an dem gesellschaftlichen Diskurs der Moral mitwirken oder mit ihr brechen.

Die Kultur des Karnevals ist die Dekonstruktion der Gesellschaft, indem sie die daran teilnehmenden Menschen daran erinnert, dass ihre Rollen in der Gesellschaft nur den irdischen Bedingungen geschuldet sind, die immer im Kontext eines größeren Zusammenhangs stehen. Die Aufhebung der Gleichheit lässt sich auch heute noch darin wiederfinden, dass die gut verdienende Bankerin verkleidet als Clown neben einem Handwerker, der in einem Känguru-Kostüm steckt, sitzen und feiern kann. Auch wenn die Aufhebung der Grenzen der Gleichheit nicht vollkommen ist, lässt die Kultur des Karnevals einen daran erinnern, dass diese Grenzen, die von Moral, Werten, Normen und der Vernunft abgesteckt werden, nur Bedingungen der Immanenz sind. Der Karneval hat wie die übrige Kunst auch die Funktion der Erinnerung an die Bedingungen der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist bedingt durch das begrenzte Leben und die Transzendenz, die unschuldige Kindheit und Adoleszenz sowie der Sehnsucht diese heilvolle Kindheit wiederzuerlangen, die durch den Exzess und den Weggang aus dem sorgenbehafteten Alltag in die Sorgen- und Sinnfreiheit. Der Exzess ist keine Besonderheit des Karnevals, sondern ein in ihm seit Jahrhunderten immer wiederkehrendes Phänomen, das vielleicht dann besondere Aufmerksamkeit erfährt, wenn Sinn und Perspektiven des immanenten und transzendenten Lebens als besonders drängende Angelegenheit verspürt werden.


Informiert habe ich mich für diesen Beitrag über die Wikipedia-Artikel zu Karneval, Fastnacht und Fasching (11.02.2018, 17:12) und Mummenschanz (23.05.2016, 19:31). Die aktuellen Inhalte konnte ich in den Artikeln Kölner Oberbürgermeisterin: Karneval ist nur noch allgemeines Besäufnis (04.02.2018, 09:15 Uhr), Kölner Karnevalspräsident sauer über Reker-Vorwurf (08.02.2018, 12.04 Uhr) sowie Schriftsteller Kermani: Nach dem Krieg hatte Karneval noch eine andere Bedeutung als heute (10.02.2018) nachlesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.