Die Krönung der Schöpfung

Der Mensch ist die Krönung der Schöpfung, er solle sich die Welt Untertan machen. Heute macht es tatsächlich den Eindruck, als hätten wir Menschen die Erde völlig im Griff und es gibt nur noch wenige Winkel, in denen nicht der Mensch das bestimmende Element der Umwelt ist. Der Mensch hat das Selbstbewusstsein, Mensch und Herrscher über die ganze Welt zu sein. Aber sind wir im Anblick von Kriegen, Klimawandel und dem Selbstzweifel wirklich über die Welt erhaben und die Krönung der Schöpfung?

Generell ergibt sich daraus die Frage nach der Beziehung von Mensch und Tier. Der Mensch ist evolutionsbiologisch eine Art von Tier, der Homo sapiens. Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies der einsichtsvolle, verständige, kluge oder sogar weise Mensch. Der Mensch gehört zu den Säugetieren innerhalb der Primatenfamilie. Die Schimpansen sind ihm die nächsten Verwandten. Die Klugheit oder Intelligenz ist ein immer wiederkehrendes Kennzeichen, wenn es um die Beschreibung von Tieren und ihrer Verhältnisbestimmung zum Menschen geht. Delphine gelten ähnlich wie einige Papageien als besonders intelligent. Bei manchen Tieren lassen sich Emotionen ausmachen oder menschenähnliche Verhaltensweisen feststellen, wie das Benutzen von Werkzeugen.

Der Mensch kennt aber nicht nur die evolutionsbiologischen Kategorien von Tieren bzw. der Lebewesen. Allgemein sprechen wir auch von Nutztieren, Wildtieren oder Haustieren. Gerade bei den Haustieren lässt sich allgemein sehr schön die Beziehung Mensch und Tier beobachten. Ich möchte zwei prominenten Haustiere kurz hervorheben, bei denen ich den Blick als Mensch auf das Tier besonders beachtlich finde.

Zum einen den Hund. Der Hund wird allgemein als der beste Freund des Menschen beschrieben. Er ist treu und wiederspricht nicht. Er verlangt allerdings auch Aufmerksamkeit und benötigt Beschäftigung. Je nach Rasse wird daher von seinem Frauchen oder Herrchen eine bestimmte Aktivität verlangt. Obwohl der Hund nicht mit einem spricht, wird eine enge Bindung zu ihm aufgebaut und er als eigenständiges Familienmitglied begriffen. Zudem gibt es das Phänomen, dass die Hunde ihren Haltern ähnlich sehen bzw. sich Zugehörigkeiten erkennen lassen. Möglicherweise ist dies auf die lange, gemeinsame Geschichte von Hund und Mensch zurückzuführen.

Zum anderen die Katze. Sie ist anders als der Hund kein „richtiges“ Mitglied im Haushalt, sondern eher ein eigenständiger, autonomer Bewohner, der sich nahezu frei bewegen kann. Die Katze weiß im Prinzip, wo sie hingehört, orientiert sich allerdings auch daran, wo sie etwas zu fressen bekommt. Sie kann über die Versorgung ihre Dankbarkeit dadurch ausdrücken, dass sie einem eine tote Maus oder einen Vogel vor die Tür legt. Wenn zwei Katzen in einem Haushalt mitleben, lassen sich besonders gut die charakterlichen Unterschiede feststellen. Ich selbst kenne zwei Katzen aus meinem Elternhaus die völlig unterschiedlich in ihrem Verhalten waren. Die eine war eine Schmusekatze, die immer direkt auf einen zu kam und um Zuneigung bettelte. Sie suchte die Nähe aktiv. Die zweite Katze war ganz anders. Jeder, der versuchte sie zu streicheln, riskierte direkt eine von ihr verpasst zu bekommen. Sie suchte nicht die Nähe, sondern das Weite. Diese Distanz führte dazu, dass die eine Katze als die liebe und die andere als die böse Katze begriffen und auch vor anderen Personen so vorgestellt wurden. So eine Beschreibung ist schon faszinierend und man könnte meinen, dass die „böse“ Katze ja selbst Schuld sei, wenn sie sich nicht streicheln ließ.

Dann verschwand eines Tages die „liebe“ Katze. Sie kam einfach nicht nach Hause und wurde vermutlich von einem Auto erwischt. Eine umfassende Recherche unter den Tierärzten in der Region blieb ohne Erfolg, möglicherweise hätte sie jemand dort abgegeben, da er den Halter nicht ausmachen konnte. Die Bestürzung war sehr groß in der Familie. Es fiel zunächst fast nicht auf, dass daraufhin die „böse“ Katze für einige Tage untertauchte und ebenfalls nicht nach Hause kam. Als sie plötzlich wieder durch das Wohnzimmer tapste, blickte ich auf ein völlig anderes Tier. So einen schwermütigen Gang hatte ich bei einem Tier zuvor nicht gesehen. Sie ließ den Kopf richtig hängen und hatte ihre ganze Dynamik verloren. Die „böse“ Katze war traurig über den Verlust der „lieben“ Katze. Allen war sofort klar, dass sie ihren Kompagnon sicherlich tot auf der Straße hätte liegen sehen müssen. Die enge Bindung und Vertrautheit zwischen den zwei Tieren, die sich eigentlich immer mehr rivalisiert und respektiert hatten, war mir vorher nicht bewusst. In den kommenden Wochen lebte eine ganz andere Katze bei uns zu Hause. Sie suchte die Nähe zu den Menschen und wollte gestreichelt werden. Sie sprang aufs Sofa und setzte sich zu einem. Die „böse“ Katze war überhaupt nicht böse, sondern sehr verletzlich. Sie ist heute eine ganz alte, langsame Katze, die zutraulich und schmusig ist und auf wackeligen Beinen durch das Wohnzimmer läuft.

Der niederländische Primatologe und Verhaltensforscher Frans de Waal berichtet in einem Interview mit Brigitte Osterath von der Deutschen Welle über die Trauer bei Tieren. So sei insbesondere bei Säugetieren Trauer zu beobachten, wenn eine individuelle Beziehung vorhanden sei, wie die Bindung zwischen Mutter und Nachwuchs oder auch bei Vögeln, die ihren Partner verloren haben. Auf die Nachfrage von Osterath, ob der Mensch da nicht zu viel hineininterpretiere, verweist de Waal auf die Geschichte des Hundes Hachiko, der auch noch zehn Jahre nach dem Tod seines Herrchens zum Bahnhof kam in der Hoffnung, dass dieser aus dem Zug ausstieg, mit dem er für gewöhnlich immer kam. Bemerkenswert sei die Trauer insbesondere bei Elefanten, die ebenfalls als sehr intelligente Tiere gelten, da sie die Knochen der toten Artgenossen aufsuchen.

So lassen sich bei den Tieren die unterschiedlichsten Merkmale ausmachen, die z.T. auch menschliche Züge tragen. Wir kennen anderenfalls auch den Vorwurf unter Menschen, dass sie sich wie Tiere verhalten. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist in gleicherweise eine besondere Frage wie die nach den Unterscheidungsmerkmalen. In dieser Frage wiederspiegelt sich die Frage nach der Bedeutung der mythischen Erzählung über die Schöpfung und die Bestimmung des Menschen als seiner Krönung. Besonderes Merkmal des Menschen ist sein Bewusstsein über die Endlichkeit seines Lebens und die damit verbundene Frage nach dem Sinn seiner Existenz. Die Vielzahl der Arten wiederspiegelt die Vielzahl der Charaktere des Menschen, die sich unterschiedlich in diesem Bewusstsein verhalten. Die Krönung der Schöpfung ist daher die Möglichkeit des Umgangs mit der Beziehung der vielfältigen Charaktere.


Das interessante Interview zwischen Frans de Waal und Brigitte Osterath lässt sich in dem Artikel Wenn Tiere um ihre Toten trauern (dw, 21.09.2016) nachlesen. Informiert habe ich mich zu dem Thema mit Hilfe des Wikipedia-Artikels über den Menschen in der Version vom 11. Oktober 2017, 09:42 Uhr.

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