Die Ironie des Fortschritts

Astronomen und private Sternengucker bemängeln häufig die schlechte Sicht in den Sternenhimmel. Insbesondere in Ballungsgebieten und Städten ist zu viel Streulicht, das eine Vielzahl von Sternen verschluckt. Die Nacht ist zu Hell, um den Sternenhimmel beobachten und mit dem bloßen Auge bewundern zu können. Vor der Einführung der Elektrizität konnten die Menschen bei gutem Wetter und bei Nacht noch den Sternenhimmel sehen, auch wenn sie nicht genau wussten, was sie da eigentlich sahen.

Heute wissen wir über die Sterne so viel wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Wir haben Teleskope auf der Erde, im All und können Sterne und ganze Galaxien sichtbar machen. Sogar die kosmische Strahlung, die vom Urknall herrührt, lässt sich sehen. Der bloße Sternenhimmel als Beobachtungsgegenstand der eigenen Augen hat seinen Reiz verloren, da man ja zum einen von den Bildern weiß, wie es dahinter aussieht und man zum anderen durch das Streulicht der Städte eh keine Sternenpracht erblicken kann.

Mir kommt daher die Frage, was es eigentlich mit dem Fortschritt auf sich hat und was dieser Fortschritt sein soll, wenn doch dabei der Sternenhimmel verloren geht. Hat der Fortschritt, die Zunahme an Wissen und Bildern, einen Gewinn oder ist es was anderes?

Über allem, so kann man annehmen, steht die Frage nach dem Sinn des Ganzen: Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage stellen sich die Menschen im Prinzip schon immer. Allerdings wird diese Frage in den unterschiedlichen Zeiten der Menschheitsgeschichte anders gestellt. Zunächst lautete die Sinn-Frage: (1) Wie kann ich überleben? Der Mensch war darauf angewiesen sich Nahrung zu beschaffen, sich vor wilden Tieren und dem Wetter zu schützen und Nachwuchs in die Welt zu setzen. Irgendwann gab es Fortschritte in der Nahrungsmittelbeschaffung, es gab bessere Werkzeuge und Wohnmöglichkeiten, die Freiräume eröffneten und die Frage nach dem Überleben weniger wichtig machten. Der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) bezeichnete mit dem Begriff der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 v. Chr.) eine wichtige Phase in der Menschheitsgeschichte, die bedeutsam für die Entstehung der Kultur war. Die Gemeinschaft von Menschen, die sich für den Überlebenskampf zusammengetan hatten, ist zur Gesellschaft geworden.

Der gesellschaftliche und kulturelle Mensch stellte sich die Sinn-Frage fortan so: (2) Wie lebe ich in meiner Gesellschaft moralisch richtig? Natürlich waren die Menschen immer noch darauf angewiesen, genügend Nahrung zur Verfügung zu haben und sich vor den Naturgewalten zu schützen. Allerdings konnten nun bestimmte Arten der Versorgung oder des Verhaltens im Überlebenskampf moralisch verwerflich sein. Die Gemeinschaft war noch nicht die richtige Kooperationsform der Menschen, um sich solche Fragen zu stellen. In der Gesellschaft war dies allerdings viel wichtiger. Zudem entwickelten einige Menschen neue Ideen, da sie ja moralische Verpflichtungen gegenüber ihrer Kultur und Gesellschaft hatten, um das (Über-)Leben zu sichern. Neben Kunst, Musik und Kult wurde auch Technik entwickelt. Diese neuen Möglichkeiten der Technik konnten insbesondere in der Landwirtschaft erfolgreich zu einer Steigerung der Effektivität beitragen. Die wiederum gewonnene Freiheit beflügelte die Auseinandersetzung mit den kulturellen Elementen der Gesellschaft. Die Agrarrevolution im 18. und 19. Jahrhundert in Europa bspw. schaffte die Voraussetzungen für die Entwicklung moderner Städte, in denen die wenigsten Menschen in der Landwirtschaft tätig waren. Dienstleistungen und das Handwerk entwickelten sich weiter, wenn die Zeit nicht durch die Sorge um die Nahrung und das Überleben gekennzeichnet war. In diesem Zusammenhang entstand die Bedeutung des Berufs für das eigene Leben. Aus der Subsistenzwirtschaft ist die Wirtschaft geworden, an der sich jeder beteiligen musste, der zur Gesellschaft gehören wollte. Mit seinem Beruf erwarb man sich seinen zweiten Namen, sodass heute noch in vielen Nachnamen eine Berufsbezeichnung auszumachen ist. Der Sinn zu Überleben bekommt erste Hinweise für das Sein im Leben, an das die Bedingung des Tuns, wie z.B. durch den Beruf, geknüpft ist.

Die Darstellung dieser Zusammenhänge für das Leben des Menschen werden von Disziplinen, wie der Geschichte, der Anthropologie oder der Theologie übernommen. Heute sind etwa nur zwei Prozent der wirtschaftlich tätigen Menschen in Deutschland im sogenannten primären Wirtschaftssektor beschäftigt. Primär bedeutet hier soviel wie der erste oder der anfängliche Wirtschaftssektor, der zu Beginn der Menschheitsgeschichte noch als die Subsistenzwirtschaft bezeichnet werden konnte, da es die anderen Sektoren nicht gab. Diese zwei Prozent zeigen, wie hoch entwickelt ein Land wie Deutschland ist. Inwieweit darin der Fortschritt steckt, wird von vielen Menschen bezweifelt. Massentierhaltung und Nitrate auf den Feldern, Importe exotischer Früchte und lange Lieferwege rufen neue moralische Bedenken hervor, die die Menschen eint und aktiv werden lässt. Es macht den Eindruck, dass der vermeintliche Gewinn an der einen Seite, den moralischen Verlust auf der anderen Seite hervorruft. Was ist daran fortschrittlich?

Die Entwicklung der Technik ermöglichte auch das Wachstum der Information, was wiederum die Verarbeitung dieser Informationen zur Herausforderung werden ließ. Die Informationstechnik (IT) war geboren. Mit ihr und zusammen mit den anderen Medien, wie Büchern, Zeitungen, Kino, Radio und Fernsehen entstand in der kulturellen Gesellschaft die Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit hatte ebenfalls wie schon bei der Entwicklung von der Gemeinschaft zur Gesellschaft eine Umformulierung der Sinn-Frage zur Folge: (3) Wie kann ich Sein? Um in der Öffentlichkeit bestehen zu können bedarf es einem Selbstbewusstsein, von dem aus der Lebenskampf als ein Wahrnehmungs- und Seinskampf geführt wird. Die Sinn-Frage ist eine Identitätsfrage, die mehr ist als noch zuvor die moralische Sinn-Frage.

Insbesondere in den Neuen Medien und Social Media lässt sich beobachten, wie wichtig die Darstellung und die Identität heute sind. „Wie kann ich Sein“ bedeutet „wie ist es möglich, dass ich bin?“. Wenn es das Selbstbewusstsein zulässt, kann ich mich in der Öffentlichkeit mitteilen (sharing), damit ich bin. Wenn ich ein mangelndes Selbstbewusstsein habe, kann ich in eine Sinnkrise geraten, da es mir nicht möglich ist, mich in der Öffentlichkeit mitzuteilen. Der Mensch kann somit trotz ausreichender Versorgung den Seinskampf nicht aufnehmen und ihn ggf. sogar verlieren.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens könnte mit der Öffentlichkeit auch praktisch so übersetzt werden: Welches Bild haben andere von mir? Wie kann ich mich darstellen? Wer will ich sein? Die Frage nach dem Sinn ist die Frage nach dem Sein.

Die Mitteilung des Selbstbewusstseins ist Provokation, die wiederum Reaktion hervorrufen kann. Es gibt auch in der Öffentlichkeit eine Art des Voranschreitens, einen Fortschritt, der von dem Vorhergehenden abhängt. Der Konflikt mit dem Sein des Anderen ist notwendig für den Fortschritt. Das Bewusstsein über diesen Zustand macht einige Menschen sprachlos. Sie wissen über einen Zusammenhang, der die Notwendigkeit des anderen Seins für das eigene Sein beschreibt. Aber um selbst Sein zu können, müssen sie sich ja selbst mitteilen. Wie aber mitteilen oder austeilen, wenn man etwas weiß, dass das eigene Mitteilen hinfällig macht, obwohl es für das eigene Sein notwendig ist. Es bleibt die Ironie.

Die Annahme, dass wir in einer fortschrittlichen Welt und Gemeinschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit leben, ist hoch ironisch. Eigentlich gibt es den Fortschritt so nicht, aber dennoch brauche ich den Fortschritt, um mich voran bewegen und leben zu können. Ich brauche das Ziel, auf das ich zulaufen kann. Ich brauche die Hürden, die mir den Weg kennzeichnen, der zum Ziel führt. Vergangene Zeiten als nicht fortschrittlich zu bezeichnen empfinde ich als zu kurz gegriffen. Der Fortschritt als umfassende Größe ist für mich problematisch, wenn ich an den Sternenhimmel denke. Sehen wir heute tatsächlich mehr? Oder ist es einfach nur aufwendiger geworden etwas sehen zu können? Hebt sich Vor- und Nachteil dann nicht auf? Haben die Menschen früher nicht viel mehr von den Sternen gesehen und waren damit alles andere als naiv?

Ich möchte den gesellschaftlichen Fortschritt mit dem Begriff der persönlichen Perspektive tauschen. Die Perspektive ist die passende Größe für ein menschliches Leben, das unabhängig von dem Mehr an Technik, Fähigkeiten oder Wissen ist. Mit dem Begriff der Perspektive lassen sich auch Gesellschaften besser vergleichen ohne sie bloß anhand des Entwicklungsstandes zu messen.

Wie geht es weiter? Was kommt nach Gemeinschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit? Es wird die Virtualität werden, in der sich die Frage nach dem Sinn wieder anders stellen wird. Vielleicht ist es hilfreich am Vorabend der Virtualität nicht an Fortschritt, sondern an Perspektive zu denken. Eine Perspektive im Leben macht die Frage nach Sinn und Fortschritt weniger schwierig und kennzeichnet jederzeit die Möglichkeit, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens mit einer Perspektive reagieren zu können.

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