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Die Gewinner der Bundesversammlung

Am vergangenen Sonntag wählte die 16. Bundesversammlung Frank-Walter Steinmeier mit knapp dreiviertel aller Stimmen zum 12. Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Der Ausgang der Wahl war keine Überraschung, aber auch der Wahlvorgang selbst kein Spektakel, so wie es bei anderen Wahlen zuvor der Fall gewesen war. Es gibt ebenfalls keine echten Verlierer, auch nicht für die CDU, die sich auf den SPD-Kandidaten eingelassen hat. Ein Tweet der SPD-Berlin, der das Schloss Bellevue nun in sozialdemokratischer Hand sah, war falsch und wurde korrekter Weise direkt wieder gelöscht.

Die Gewinner dieser Bundesversammlung sind drei an der Zahl und verkörpern die Zeiten der Geschichte: Joachim Gauck erhielt viel Applaus, als er von Norbert Lammert in seiner Rede zur Eröffnung der Versammlung mit Dank und Ehrungen versehen wurde. Der scheidende Bundespräsident ist der Gewinner der Vergangenheit. Er hat Deutschland fünf Jahre lang als Staatsoberhaupt gedient und mit seiner Persönlichkeit viele Menschen erreicht.

Der zweite Gewinner ist der Redner im Plenarsaal selbst. Der Bundestagspräsident Norbert Lammert, der wieder einmal mit einer beeindruckenden Rede die Versammelten zu Vernunft und zu einem Bewusstsein der deutschen Geschichte und Demokratie mit Witz und Verstand ermahnte. Er ist der Gewinner, der die Gegenwart markiert und die Brücke zwischen den beiden Präsidenten herstellt.

Gewinner der Zukunft ist natürlich der gewählte Frank-Walter Steinmeier. Er hat nicht einfach die Wahl der 16. Bundesversammlung für sich entschieden und ist somit zum Gewinner geworden oder gilt als Gewinner, da er der beliebteste Politiker Deutschlands ist und ein guter Außenminister war, sondern weil er in Zukunft die Erwartungen eines guten Präsidenten erfüllen soll.

Das sind keine Vorschusslorbeeren, sondern die positiven Erwartungen, die im Anschluss an die Amtszeit des scheidenden Präsidenten aufgebaut werden. Gemeint ist damit, dass die Gefahren des Populismus nicht dazu führen sollten, in die Zukunft options- und ausweglos zu blicken. Das, was die Populisten versprechen, ist eine egoistische und aus Verzweiflung geführte Haltung, die sich gegen eine vermeintliche Handlungsunfähigkeit der Anderen richtet. „Die Fähigkeit, sich in andere Wirklichkeiten und Wahrnehmungen hineinzudenken und einzufühlen, hält einfach nicht mehr Schritt.“ (FAZ, 05.11.2016), schrieb Frank-Walter Steinmeier und kennzeichnete damit die Herausforderungen unserer schnelllebigen Zeit. Für ihn gäbe es ganz klar auch in Deutschland eine Tendenz zur Ablehnung von Fakten. Nicht immer gleich die richtige Antwort parat zu haben, darf nicht zu Verunsicherung führen und schon gar nicht zu Resignation. Eine Besinnung auf die Möglichkeiten ist wichtig und der Glaube an eine Zukunft, die man nicht alleine bewältigen kann. „Demut ist alles andere als Resignation.“ (FAZ, 05.11.2016)

Bei seiner Dankesrede am vergangenen Sonntag sprach er von Hoffnung. Dies sollte ihn auch jetzt schon zu einem Gewinner der Zukunft machen, da es nicht um die Erwartungen seiner Leistungen als Präsidenten geht, sondern um den Glauben an die Möglichkeiten einer Zukunft, die nicht aus Angst und Perspektivlosigkeit besteht.

Steinmeier, Frank-Walter, Eine tödliche Gefahr für unsere Gesellschaft, in: FAZ (Nr. 259, 05.11.2016), 10.



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