Die Erfahrung ist stärker als das Wissen

Heute, am 1. Februar 2018, hat der Bundestag für die Verlängerung der Aussetzung des Familiennachzuges gestimmt. Der Gesetzentwurf wurde in namentlicher Abstimmung angenommen. Bei der namentlichen Abstimmung ist die Entscheidung jedes einzelnen Abgeordneten auf den Seiten des Bundestages einsehbar. Erkennbar ist hier, dass die Fraktionen der Verhandlungspartner CDU/CSU und SPD für eine mögliche große Koalition nahezu geschlossen mit „Ja“ gestimmt haben. Bis auf eine weitere Ja-Stimme innerhalb der AfD-Fraktion stimmten mit Ausnahme der nicht abgegebenen Stimmen alle anderen Fraktionen vereint mit „Nein“.

Die Fraktionen zeigen mit ihrem Abstimmungsverhalten Geschlossenheit. Eine Regierung und Entscheidungen wären ohne einen solchen „Fraktionszwang“ auch nicht möglich. Allerdings muss man bedenken, dass ein solcher Fraktionszwang eigentlich nicht erlaubt ist. Es gilt das freie Mandat eines jeden Abgeordneten: „[Die Abgeordneten] sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“ (GG Art. 38 Abs. 1 Satz 2). Neben der Demonstration von Entschlossenheit und Willensstärke im Hinblick auf Entscheidungen gegenüber den anderen Fraktionen soll auch das Profil der Partei gegenüber dem Wähler erkennbar gemacht werden. Was steht aber hinter dieser Gewissensfreiheit des einzelnen Abgeordneten? Warum ist das Gewissen so wichtig, wenn es um Entscheidungen geht? Wäre es nicht sinnvoller, Entscheidungen vernünftig und wissenschaftlich untermauert von Experten treffen zu lassen?

Bevor ein Blick auf das Gewissen möglich ist, müssen das Wissen und die Erfahrung betrachtet werden. Der Weg zum Wissen ist nicht so einfach, wie es zunächst erscheinen mag. Unser Wissen basiert auf empirischen Ergebnissen der Forschung. In einem Versuch, sei er naturwissenschaftlich in Form von Experimenten oder geisteswissenschaftlich im Modus der Argumentation oder eines Vergleichs, werden zuvor getroffene Annahmen oder Beobachtungen verifiziert. Bei jedem Versuch oder Experiment macht der Wissenschaftler auch ganz persönliche Erfahrungen. Diese Erfahrung ist viel stärker als das später im Ergebnis festgehaltenen Wissen. Die Erfahrung als quasi persönliches Wissen wird daher in den wissenschaftlichen Diskurs gegeben, um sich als Wissen behaupten zu können. Erst über diesen Weg wird es zu Wissen.

Die Unterscheidung von Erfahrung und Wissen ist aber nicht nur für die Wissenschaft von Bedeutung. Auch das Allgemein-, Schul-, oder Grundwissen eines jeden Einzelnen steht den eigenen Erfahrungen gegenüber. Die Erfahrung bleibt die entscheidende Größe wenn es um persönliche Entscheidungen geht. Das Wissen kann dabei schnell hintergründig werden, obwohl es im Entscheidungsprozess eine Rolle spielt. Entscheidungen müssen spontan oder wohl überlegt sein. Das Bauchgefühl und Emotionen, die persönliche Geschichte mischen mit. Wenn man selbst eine schlechte Entscheidung getroffen hat, kann man sich schnell den Vorwurf von Anderen über die eigene Unvernunft einfangen.

Blicken wir einmal genauer auf das Gewissen, um die oben genannten Fragen beantworten zu können: Der (1) Zufall ist eine Erfahrung. Wissenschaftlich wird versucht diese scheinbare Zufälligkeit vernünftig erklären zu können. Aus der zufälligen Erfahrung kann eine wissenschaftliche Frage formuliert werden. Mit einem Versuch wird dann die persönliche Erfahrung zu Wissen. Das (2) Wissen beruht auf Diskurs. Wenn wir nun all unsere Entscheidungen über dieses Wissen treffen, wäre das eine (3) logische Konsequenz und somit keine Entscheidung, sondern eine Folge des Wissens. Um entscheiden zu können braucht es, wie im freien Mandat vorgesehen, das Gewissen. Das (4) Gewissen beruht auf Wissen und Erfahrung. Das (5) Gewissen ist wiederum Voraussetzung für Entscheidung. Daher ist es wichtig, dass die Abgeordneten eine Gewissensentscheidung treffen, da anders Entscheidung nicht möglich wäre.

(6) Das Gewissen setzt sich also als Wissen und Erfahrung zusammen und ist in Form der Gewissensentscheidung stärker als die wissenschaftliche Erkenntnis. Es ist bemerkenswert, dass unserem Staat eine so tiefgründige Verfassung gegeben wurde. Außerdem erstaunt mich auch die Bedeutung der Meinungsfreiheit. Die Meinungsfreiheit ist wie die Gewissensfreiheit und die Freiheit der Forschung über diese Gewissensformel erschließbar. Die Meinungsfreiheit bezieht sich dabei verstärkt auf den Aspekt der Erfahrung.

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