Das Ende der Hierarchie

Die Angst vor dem Verlust der Ordnung führt in Institutionen zur Verstärkung alter Strukturen. In sozialen Medien wird Autorität ohne Hierarchie gewonnen. Moderation ist der Schlüssel.

In klassischen Organisationen ist die Hierarchie das maßgebende Ordnungssystem, das die Machtverteilung und letztendlich auch die Führung organisiert. Allerdings werde die Hierarchie auf Grund ihrer Eigenschaften oft mit etwas Negativem verbunden (vgl. Döhler 2007, S. 47).

Hierarchien hätten bspw. Probleme mit der Bereitschaft von Untergebenen, Leistung zu bringen, was Unproduktivität zur Folge habe. Weitere Argumente gegen Hierarchien seien unzureichende Informationen und fehlende Flexibilität, die notwendig für die Anpassung an Veränderungen seien (vgl. Döhler 2007, S. 47).

Trotzdem habe die Hierarchie mit Blick auf das Verhältnis von Staat und Gesellschaft in Europa eine lange Tradition (vgl. Döhler 2007, S. 51). Die Ordnung als ein Ziel von Hierarchie und die Verhinderung von Anarchie sind auch heute unter veränderten Rahmenbedingungen in der Kommunikation nachvollziehbar.

Zusammenhalt durch Führung

Wo Menschen zusammentreffen, treffen auch unterschiedlichste Wünsche und Bedürfnisse aufeinander. Besonders deutlich werden die Herausforderungen des menschlichen Zusammenlebens in Wirtschaftsunternehmen. Dort ist es die Aufgabe des Chefs, Chaos zu verhindern und Ordnung zu halten:

„Führung kann sehr kurz definiert werden als das Geben von Richtung und Zusammenhalt. Es gehören dazu eine Führungskraft, Mitarbeiter und ein Ziel, in dessen Richtung geführt wird.“

(Vogt und Schnee 2012, S. 272)

Allerdings bleibt dann noch die Frage: Wer führt das Unternehmen? Hier gilt, wie bei Machtfragen in anderen Bereichen auch, eine Hierarchie. Sie regelt zum einen die Qualifikation von Führungspersönlichkeiten und zum anderen die Autorität. Die Autorität ist wiederum die Voraussetzung für Machtausübung.

Ordnung durch Hierarchie

Der Hierarchie-Begriff finde sich als beschreibender Begriff in der Informatik (vgl. Döhler 2007, S. 47). Dort führen selbst minimale Abweichungen vom Text zur Unbrauchbarkeit des Programms. Die Hierarchie ist hier unerlässlich für eine Ordnung als Voraussetzung für die ordentliche Funktionsweise des Programms.

„Zum einen tritt Hierarchie als bereits vorhandener Ordnungsmechanismus auf, der aufgrund stillschweigender Akzeptanz seine Wirkung entfaltet. Zum anderen kann und wird Hierarchie auch absichtsvoll als Steuerungsverfahren genutzt, das dann nicht selten aktiv durchgesetzt werden muss […].“

(Döhler 2007, S. 47)

Hierarchie kann also von seiner Theorie her als eine gegebene Ordnung verstanden werden, die ohne zu hinterfragen funktioniert. Die Hierarchie sichert die Autoritäten. Eine Führungspersönlichkeit ist autoritär und steht an der Spitze einer Organisation. Von der Spitze herab wird dann die Einhaltung der Struktur durchgesetzt.

Ordnung durch Moderation

Ordnung lässt sich auch durch einen Moderator herstellen. Der Moderator verbindet Kategorien auf sonderbare Weise: Er muss nicht Autor oder hierarchisch legitimierte Stimme des Inhalts sein. Der Moderator erfährt aber durch seine Performance die Autorität, diese Inhalte wiederzugeben.

Mit dieser performativen Autorität ist es ihm möglich, für Zusammenhalt zu sorgen und chaotisch zusammengewürfelte Inhalte in Ordnung zu bringen. Dieses Verfahren ist anders als bei der Ausübung einer Führungsrolle. Der Moderator erhält seine Autorität vom Publikum und verhält sich trotzdem nicht willkürlich:

„Die Aufrechterhaltung des mediengerechten Ablaufs und die Anpassung an interne Regelungen und Konventionen bilden demnach den Hintergrund, auf der jede (inhaltlich zu bewertende) Moderation erst stattfindet.“

(Schumacher 2003, S. 313)

Diese Rahmenbedingungen lassen sich auf die Struktur von Institutionen übertragen. Wenn sich bspw. in einer aktuellen Redaktion eine Situation ändert oder Inhalte getauscht werden, sorgt der Moderator dennoch für einen reibungslosen Übergang zwischen den Inhalten. Das ermöglicht wiederum mehr Flexibilität, die den Menschen in einer hierarchisch geordneten Institution fehlt, um schnell und eigenverantwortlich reagieren zu können.

Hierarchie schafft Chaos

Dem Ursprung nach war Autorität nichts strukturell Gegebenes. Autorität musste verdient werden: „Einzig über Beweise außerordentlicher Leistungen für das Gemeinwesen konnte ein Adeliger Zugang zur Nobilität gewinnen, dem Kreis, der die Führung des Staates in Händen hielt.“ (Seewald 2015)

Die Beweise entsprechen heute den Abschlüssen durch Ausbildung und Studium. Das erworbene Ansehen (auctoritas) qualifiziert für eine Position innerhalb der Hierarchie. Mit den sozialen Medien kommt es aber zur Verschiebung. Durch ihre antihierarchische Struktur entsteht das Ansehen in der Community. Einen ersten Ansatz gibt es dazu bereits in Unternehmen:

„Andererseits gehört mittlerweile zum Basiswissen moderner Personalführung, dass sich durch Hierarchieverzicht, das heißt durch kooperative und teamförmige Arbeitsstrukturen, Effizienzgewinne erzielen lassen, die sich besonders bei komplexen Tätigkeiten und Inhalten einstellen.“

(Döhler 2007, S. 50)

Führungskräfte müssen folglich Moderatoren sein, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Ordnung lässt sich durch Moderation herstellen. Für Nutzer der sozialen Medien ist das bereits normal. Das Denken in Hierarchien und der Versuch der Machtsicherung wird in Zukunft das Ende des Unternehmens bedeuten.


Literatur

Döhler, Marian (2007): Hierarchie. In: Arthur Benz, Susanne Lütz, Uwe Schimank und Georg Simonis (Hg.): Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden, S. 46–53.

Schumacher, Heidemarie (2003): Melodram ↗Film / Moderator. In: Hans-Otto Hügel (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 312–316.

Seewald, Berthold (2015): Der wahre Motor für die Größe Roms. In: welt, 15.06.2015. Online verfügbar unter https://www.welt.de/geschichte/article142488508/Der-wahre-Motor-fuer-die-Groesse-Roms.html.

Vogt, Joachim; Schnee, Melanie (2012): Führung als Moderator von Gesundheit, Absentismus und Präsentismus bei Restrukturierungsprozessen. In: Z. Arb. Wiss. 66 (4), S. 269–276. DOI: 10.1007/BF03373886.

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