Vom Konflikt zum Frieden: Meinungsfreiheit

Zu sagen, was man denkt, gibt dem Menschen eine große Freiheit. Die Meinungsfreiheit ist notwendig zur Sicherung des Friedens. Die freie Gesellschaft kann sich aber seines Friedens nicht sicher sein.

Es gibt Meinungsfreiheit, aber die Meinung ist nicht frei. Das ist die Ausgangsthese für diesen Essay. Die Grundfrage lautet: Was ist Frieden und wie wird Frieden in einer Gesellschaft gesichert?

Meinung verhindert Konflikt

Zunächst einmal ist die Meinung ein sehr hilfreiches Mittel zur Vermeidung eines inneren Konflikts. Die Meinung ermöglicht eine innere Haltung durch die Erhaltung der eigenen Möglichkeit zu sein. Es geht um das Selbstbewusstsein.[1] Die Möglichkeit zu sein ist ein Problem der sogenannten Kontingenz.[2]

Um kontingent bzw. kontinuierlich, also fortlaufend, zu sein, ist die Abwehr von Irritationen notwendig. Eine Irritation der inneren Haltung kann einen Konflikt des Selbstbewusstseins verursachen. Um diese Irritation abzuwehren, hilft eine Meinung. Die Meinung wird dann oftmals als eigene Meinung gekennzeichnet, damit sie möglichst viel Gewicht für die innere Haltung bekommt und das Selbstbewusstsein möglichst gut absichern kann.

Mensch und Umwelt

Da der Mensch in einer Umwelt aufwächst und lebt, festigt sich mit der Zeit die innere Haltung, sofern der Mensch positive Erfahrungen mit seiner inneren Haltung und seinem Selbstbewusstsein macht. So lange seine Welt[3] kompatibel mit seiner unmittelbaren Umwelt ist, der Mensch also die Erfahrung macht, dass er mit seiner Meinung seine innere Haltung bewahren kann, bleibt der innere Konflikt aus.

Auf diesem Weg verstärkt die (eigene) Meinung das Bewusstsein für diese Meinung. Die Vermeidung des inneren Konflikts (der Kontingenz) schafft Freiheit. Der Mensch mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein baut auf diese Erfahrung von Freiheit[4] seine Vorstellung von Frieden auf. Es ist der Friede ohne Konflikt.

Friedenskritik

Die Frage nach dauerhaftem Frieden ist alt. Es erstaunt, dass in Europa schon so lange der Frieden herrscht. Eine Kritik am Frieden ist bestimmt nicht die attraktivste Form der Auseinandersetzung mit der Welt. Es geht hier aber vielmehr um eine Kritik an einem selbstverständlichen oder selbstsicheren oder, treffender gesagt, einem selbstbewussten Frieden. Um zur Beantwortung der Ausgangsfrage über den Frieden zu kommen, müssen wir erst die Mitteilung der Meinung genauer betrachten.

Die Meinung tritt nach Außen, wenn sich das Selbstbewusstsein einer Gefahr[5] ausgesetzt sieht. Praktisch passiert dies dann, wenn ein Satz im Raum steht und sich das Selbstbewusstsein zur Mitteilung herausgefordert bzw. gezwungen fühlt. Auch ohne eine konkrete Nachfrage kann eine Meinung als präventive Maßnahme mitgeteilt werden.

Angst vor Konflikt

Die Gefahr ist die Angst vor dem Angriff auf das innere Konstrukt der eigenen Welt.[6] Dahinter steht die Angst vor der kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbewusstsein. Es ist die Angst vor dem inneren Konflikt und die Angst vor dem Verlust der sonst erfolgreichen Konfliktvermeidungsstrategie.[7] Es ist die Angst vor dem Verlust der eigenen Freiheit.

Niemand will seine Freiheit aufgeben. Für die meisten Menschen ist die Freiheit erstrebenswert. Jemand, der ein Bewusstsein für einen inneren Zweifel besitzt und sich daher nicht mit einer Meinung Freiheit von der Kontingenz geben kann, ist skeptisch.

Der Skeptiker hat das Problem, dass er seine Welt, die bedingt ist durch die Erfahrungen, nicht mit seiner Umwelt in Einklang bringen kann. Diese Skepsis ist die Grundlage der Kritik. Der Skeptiker ist innerlich unfrei von der Kontingenz. Um sich von der Unfreiheit zu befreien, bringt er die Skepsis nach Außen und zwar als Kritik.[8]

Konflikte für den Frieden

Diese Kritik des Skeptikers kann in seiner Umwelt Konflikte verursachen und den vermeintlichen äußeren Frieden erschüttern. Anders gesagt: Je nach Beschaffenheit der Umwelt mit seinen sozialgesellschaftlichen Faktoren kann die Kritik auf Unverständnis stoßen.[9]

Auf der einen Seite ist der Meinungsmensch in einer Umgebung, in der er immer wieder die Erfahrung von Freiheit durch das Funktionieren seiner Welt, den Kosmos, macht und auf der anderen Seite ist der Skeptiker, der keine Erfahrung von Freiheit macht und sich quasi zur Skepsis gezwungen sieht. Die Mitteilungen des Skeptikers in Form von Kritik werden entweder nicht ernst genommen oder aus Gründen der Komplexität verworfen.

Anerkennung des Konflikts

Die Komplexität bezieht sich allerdings auf die entsprechende Umwelt, der sich sowohl der Meinungsmensch als auch der Skeptiker ausgesetzt sehen. Komplex sind die unzähligen Möglichkeiten der Umwelten, in der eine Person leben könnte. Die Möglichkeiten Menschen zu begegnen und andere äußere Einflüsse zu bekommen sind quasi unendlich. Auf die Vielzahl dieser unendlichen Möglichkeiten lässt sich schließlich nur mit Freiheit antworten.

Freiheit ist einfach gesagt die menschliche Reaktion auf das endliche Leben, das die Probleme mit der Kontingenz verursacht. Die Meinungsfreiheit ermöglicht schließlich auch damit die Meinung als Moment. Die Meinung kann sich ändern. Dadurch gibt es wiederum die Möglichkeit. Die Hoffnung des Skeptikers ist nicht die Meinungsänderung des Meinungsmenschen. Der Skeptiker will um den Willen des Friedens die Anerkennung des Konflikts.

Frieden als Möglichkeit

Auch die Äußerung des Skeptikers ist durch die Meinungsfreiheit abgedeckt. Allerdings provoziert Kritik den äußeren Konflikt. Meinung verweigert den äußeren Konflikt einseitig, provoziert ihn aber auch durch den inneren Konflikt des Skeptikers. Die Meinung als Moment kann hilfreich bei der Kontingenzbewältigung und Komplexitätsreduktion sein.

Aber die Meinung allein bringt nichts voran. Der Frieden lässt sich ohne den Konflikt nicht denken. Denn Frieden ist nicht die Abwesenheit des Konflikts, sondern die Möglichkeit im Konflikt. Viele setzen sich für Frieden ein. Allerdings geschieht auch viel Aktionismus. Was im Aktionismus daherkommt, beruft sich nicht auf den Frieden, sondern auf die eigene Erfahrung von Freiheit.

Wer äußeren Frieden verstehen will, muss sich erst dem inneren Konflikt stellen und durch den äußeren Konflikt hindurch. Dazu gehört die Anerkennung der Kritik des Skeptikers durch den Meinungsmenschen.[10]


[1] Die Chronologie der menschlichen Entwicklung kann in einfacher Form mit der Abfolge dieser Fragen und Antworten beschrieben werden: 1. Wie kann ich sein? – Ich muss essen, trinken und mich fortpflanzen, um zu sein. 2. Wie kann ich bewusst sein? – Ich muss moralisch sein. 3. Wie kann ich selbst bewusst sein? – Ich muss eine Meinung haben und mitteilen können.

[2] Die Kontingenz beschreibt das Problem der Möglichkeit zu sein. Das lateinische contingere kann u.a. mit „gelingen“ übersetzt werden. Im ferneren Sinn geht es um das gelingende, kontinuierliche Leben und die Möglichkeit (condicio) zu sein. Das kontinuierliche Leben beschreibt zudem die geglückte Weitergabe von Leben, also die Fortpflanzung.

[3] Die Welt, der Kosmos, ist in diesem Zusammenhang keine objektive Beschreibung, sondern ein unerschütterliches Weltbild, das mit der unmittelbaren Umwelt des Menschen harmonisiert. Das bedeutet, dass seine Meinung nicht zwangsläufig geteilt werden muss, aber seine Meinung zur Sicherung der inneren Haltung und des Selbst-Bewusst-Seins funktioniert. Und in der Erfahrung des Funktionierens sind wir wieder bei der Kontingenz, dem „Gelingen“ der Erfahrung.

[4] Diese Freiheit ist das frei-sein von dem Problem der Kontingenz. An dieser Stelle lässt sich weiterdenken, ob dieses frei-sein auch ein befreit-sein bedeuten kann und inwieweit dies auch einen erlösenden Aspekt mit tangiert.

[5] Es ist unabhängig davon, ob sich die Gefahr mittelbar, unmittelbar, theoretisch oder abstrakt darstellt.

[6] Der Kosmos erfährt sich kompatibel mit der Umwelt (s.o.).

[7] Der Konflikt im Inneren bedeutet die Unfreiheit von der Kontingenzproblematik. Die Meinung macht das Selbstbewusstsein frei von Irritationen. Durch positive Erfahrungen mit dieser Meinung in der eigenen Umwelt und der Verifikation wird Freiheit geschaffen.

[8] Die Kritik ist im Prinzip die alternativlose Entscheidung des Skeptikers. Da sich der Skeptiker genauso mit seiner Kontingenz auseinandersetzen muss, wie der andere mit seiner Meinung, hätte er sonst nur als Alternative die Resignation. Der Skeptiker hat salopp gesagt Pech mit seiner Umwelt. Andererseits ist der Skeptiker sehr empathisch, da er nachempfinden kann, was andere Skeptiker bewegt. Als Meinungsmensch ist das so nicht möglich, da er lediglich Positionen teilen oder diskutieren kann.

[9] Ein Grund könnte Komplexität sein. Komplex ist allerdings in diesem Zusammenhang nur die Vielzahl an denkbaren Umwelten, in der sich eine Person befinden kann, und die Zufälligkeit, in welcher Umwelt diese Person sein Leben beginnt.

[10] Der Solidaritätsbegriff scheint bspw. inflationär gebraucht zu werden. Hinter dieser oberflächlichen Solidarität vermute ich die Meinungsmenschen. Allerdings kann das, was diese Menschen mit Solidarität fordern nur mit echter Empathie erreicht werden. Echte Empathie wäre bei Anerkennung der Kritik und bei der eigenen Konfrontation mit der Kontingenz möglich. Ich erkenne an der Konklusion selbst eine Prägung durch die Passionsgeschichte.

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