Scheine für Steine: Die egoistische Kritik an den Spenden

Ein Kommentar.

Mitte April brannte die Kathedrale Notre-Dame in Paris. Nachdem das Feuer gelöscht war, gab es bereits die ersten Spendenzusagen für den Wiederaufbau. Mittlerweile ist die Marke von 1 Milliarde Euro geknackt. Diese Summe ist insbesondere durch die Spendenbereitschaft von Millionären und großen Firmen zusammengekommen. Daraufhin hagelte es Kritik: Geld für Steine statt für Menschen, lautete der Tenor. Für ein Gebäude werde schnell viel Geld bereitgestellt, anderswo leiden Menschen an Hunger und leben zwischen Trümmern.

Die Kritik verweist aber nur auf den ersten Blick auf ein edles Motiv. Gerade über die sozialen Netze wird deutlich, dass die Kritik an der hohen Spendenbereitschaft für Notre-Dame von einer eigenen, egoistischen Einstellung herrührt.

Wenig Geld für Ernährungssicherung

Im Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind für dieses Jahr mehr als 430 Millionen Euro für die internationale Ernährungssicherung vorgesehen. Das sind über 4 Prozent des Gesamtetats, die auch für den globalen Umweltschutz mit eingesetzt werden. Unterm Strich ist das verdammt wenig Geld für die Hungerbekämpfung im Vergleich zu den Spenden für dieses sakrale Gebäude.

Die Schlussfolgerung der Kritiker ist allerdings nicht richtig. Auch sie selbst haben das Hungerproblem erst wieder durch die vielen Spenden an Notre-Dame zum Thema gemacht. Zudem versickert planlos gegebene Entwicklungshilfe zusehends. Es ist oft nicht mehr als eine kurzzeitige Symptombekämpfung, die zwar sehr wichtig ist, aber nicht dauerhaft die Lösung sein kann. Ein Problem wird nicht durch die Schaffung einer neuen Abhängigkeit aus der Welt gebracht. Sie kann das Problem sogar noch verstärken

Sehnsucht nach einem Symbol

Die Reichen, die sich nun mit ihrer Großzügigkeit überbieten, wollen Notre-Dame nicht aus den Gründen helfen, weil sie kein Mitgefühl für die Hungernden haben. Den Kritikern geht es allerdings überhaupt nicht um die hungernden Menschen. Die Spender hängen an der Kathedrale und sehen etwas in ihr. Notre-Dame als Symbol für das Friedensprojekt „Europa“, das die Kraft zur Einigung hat, wird von den Kritikern nicht gewürdigt, weil es einfacher ist, sein Gewissen und seine Verantwortung durch den Wunsch nach Hilfe für etwas Abstraktes zu geben, das sich möglichst weit weg befindet.

Der Aufschrei gegen die Spendenbereitschaft ist als Symptom der Sehnsucht nach einem Symbol zu verstehen. Es schmerzt, in die offene Wunde gefasst zu haben, die durch das Fehlen des Symbols geöffnet wurde. Es ist einfacher eine Lösung von diesem Schmerz in der Ferne und in Verallgemeinerungen zu suchen. Der dahinterliegende Mechanismus entspricht nicht einem humanitären Wunsch, sondern populistischer Erlösungssehnsucht.

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