Eine Gesellschaft erfährt sich selbst: Der Medialismus

Die sozialen Medien kennzeichnen die Kommunikationskultur unserer Zeit. Dabei scheinen sie für uns Menschen Fluch und Segen zugleich zu sein. Die einen freuen sich über die Möglichkeiten mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, Fotos und Videos zu teilen, und die anderen sehen Menschen sich in Filterblasen zurückziehen oder ihre Wut über andere oder ihr Leben Raum zu schaffen. Auch wenn es sogar Menschen gibt, die sich diesen Medien verweigern oder entziehen, lässt sich wohl noch am sichersten sagen, dass die sozialen Medien ein Thema sind. Zu überlegen bleibt, welche Kriterien den sozialen Medien zugrunde liegen und wenn es ein Problem mit ihnen geben sollte, wie dieses konkret aussieht.

Analyse: Ein Weg zu einem Begriff

Allgemein wird derzeit über Verrohung von Sprache, Hass im Netz und Populismus gesprochen. Diese Phänomene in den Zusammenhang mit den sozialen Medien zu setzen ist nicht verkehrt, aber auch nicht ausreichend. Auch ohne die sozialen Medien ist es in der Vergangenheit der Menschheit immer wieder zu Problemen in der Kommunikation gekommen, die sich bspw. durch Kriege bemerkbar gemacht haben. Ich möchte das Problem, das in der Kommunikation unserer Zeit liegt, näher beleuchten und versuchen, den Aspekt herauszuarbeiten, der das Problem an den sozialen Medien hervorruft.

Mit der Aufklärung wurde einst die wissenschaftliche Methode zur Beschreibung der Welt gestärkt und als maßgeblichen Weg zur Welterkenntnis eingesetzt. Da bei den Wissenschaften, wie bspw. Physik oder Chemie, Begriffe wie Glück, Sinn oder Hoffnung nicht vorkommen, muss diese Lücke anderweitig geschlossen werden. Der Mensch sehnt sich nach einem Kommunikationssystem, mit dem er die Welt (1) erkennen, (2) verstehen und sich mit ihr (3) verbinden kann: Kommunikation eben. Wenn nun alle drei Aspekte der Kommunikation mit ein und demselben System bewältigt werden soll, tritt das Phänomen der -ismen auf, wie bspw. im Materialismus, Biologismus oder Physikalismus. „Für alle diese -ismen gilt […], dass sie einem Grundfehler des menschlichen Erkenntnisvermögens und letztendlich narzisstischen Machtstrebens unterliegen.“[1] Es geht um die Macht über die Beziehung und Erkenntnis zur Welt. In diese Reihe der -ismen sind schließlich auch Fundamentalismus und Populismus zu stellen. Sie kennzeichnen sich hingegen eben nicht auf diese wissenschaftliche Methode, gebrauchen aber ihr System ebenfalls zur Beschreibung der drei Aspekte von Kommunikation.

Die Erfahrung mit der Geschichte insbesondere in Deutschland hat gezeigt, wie wichtig eine demokratische Systematisierung des Weltbezugs ist. Wo vor der Aufklärung noch die Hierarchie als Heiligkeit, also Reinheit der Ordnung galt, musste nun nicht die Auflösung der Hierarchie, sondern eine Verteilung der Hierarchien vorgenommen werden. Die Heiligkeit der Ordnung ist nicht weg, sondern als Folge der Wissenschaftlichkeit neu verteilt. Konkret bedeutet dies eine Aufteilung von Macht: Gewaltenteilung, Markt und Persönlichkeit.

Ich benenne folgendes Problem: Medialismus. Es sind nicht die sozialen Medien, die die oben genannten Probleme auslösen. Ähnlich wie nach der Aufklärung die -ismen wie Physikalismus oder auch Fundamentalismus entstanden sind und folglich die Hierarchie in der Demokratie wiederhergestellt werden musste, stehen jetzt die Gewaltenteilung, der Markt und die Persönlichkeit vor der Gefahr zu -ismen zu werden. Entsprechende Begriffe könnten hier Nationalismus, Kapitalismus und Egoismus sein. Als Problembegriff möchte ich den Medialismus gebrauchen, da dieser sich an die sozialen Medien anfügen lässt und alle drei Bereiche vereint.

Blick zurück aber Schritt nach vorn

Um dem Medialismus sinnvoll begegnen zu können, möchte ich einen Vorschlag machen. So wie die Demokratie mit Hilfe der Aufteilung von Macht eine Verteilung der Hierarchien vornahm, so gibt es auch für den Medialismus eine Möglichkeit zur Ordnung, nämlich mit Hilfe des guten alten Standards, der Norm. Die sozialen Medien sind zumeist Plattformen, die von Firmen mit wirtschaftlichen Interessen entwickelt wurden und betrieben werden. Sie haben alleinige Macht über die Art und Weise der Verbreitung der Inhalte. Gewaltenteilung, Markt und Persönlichkeit werden hier von diesen Plattformen in einem alleinigen System zur Kommunikation verwendet. Diesem Medialismus kann insofern entgegengewirkt werden, dass jegliche einzelne Kommunikationswege standardisiert und von einer außerwirtschaftlichen Behörde überwacht, gesteuert und verwaltet werden. Das sieht dann so aus, wie bei den Mail-Providern. Sie bedienen sich einem einheitlichen Standard. Der Benutzer kann sich aber für den Provider entscheiden, der ihm das beste Angebot macht. Der Kommunikationsweg, also in diesem Beispiel die Mail, gehört aber zu einem festgelegten Standard.

Für Soziale Netze bedeutet dies, dass sich wirtschaftlich konkurrierende Anbieter in einem Wettbewerb gegenüberstehen und ihren Nutzern alles anbieten, was sie für ihre Kommunikation wünschen. Einen Feed, einen Chat, usw. Diese Wege sind aber außerhalb des Providers und werden von einer Behörde, über dessen Organisation selbstverständlich noch separat und auf globaler Ebene gesprochen werden muss, normiert. An diese Standards muss sich dann jeder Provider halten. Diese Standards müssen so gut sein, dass sie die proprietären Plattformen obsolet machen. Ein leider erfolgloses Beispiel in diese Richtung ist die Weiterentwicklung der Email: Die DeMail.


[1] Wolfram Eilenberger führt in seinem wundervollen Buch „Zeit der Zauberer“ u.a. in das Denken über Sprache und Symbol bei Ernst Cassirer ein. Eilenberger, Wolfram, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929, Stuttgart 62018, 132.

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