Institution, Entwicklung und Ästhetik

YouTube, Netflix, Instagram, Vimeo und Co. sind allesamt schon lange keine kleinen Rand- oder Hobby-Plattformen mehr. Es gibt ein vielfältiges Angebot von Unterhaltung bis Information. YouTubes erstes Video trägt den Titel „Me at the zoo“ und wurde am 23. April 2005 von Jawed Karim, einem der Gründer der Plattform, hochgeladen. Das Video zeigt den einstigen Ansatz der Plattform: Karim steht vor einem Elefantengehege in einem Zoo und sagt, warum er Elefanten toll findet. Die Qualität von Bild und Ton ist schlecht. Darum geht es bei diesem Video auch nicht. Karim steht für ein Amateur-Video gut zentriert vor der Kamera, spricht den Zuschauer an und schaut sich zu den Elefanten um, damit die Verbindung deutlich wird. Er spricht etwas emotionslos, adaptiert aber die Rolle eines Reporters sehr gut. Das Video hat die persönliche und private Qualität einer Aufnahme, die ein Familienvater von seinem Sohn bei einem gemeinsamen Ausflug gemacht hat. Ein Blick auf den Namen von YouTube verrät, dass es auf der Plattform auch genau darum ging. Frei übersetzt lautet das Motto: Du in der Röhre! Mit der Röhre ist die Kathodenstrahlröhre der alten Fernsehgeräte gemeint, die damals das Bild noch im Zeilensprungverfahren darstellte. Im einstigen Untertitel von YouTube hieß es zudem „Broadcast Yourself“.

Es wird deutlich, dass YouTube bereits in seinen Anfängen eine kulturgeschichtliche Verbindung zum klassischen Fernsehen hatte. Es entstand für die Nutzer die Möglichkeit, ihre privaten und persönlichen Videos der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, ohne die Hürden der klassischen Broadcaster zu nehmen. Voraussetzung war allerdings auch hier schon, das eigene Selbstbewusstsein dafür, dass das Private in der Öffentlichkeit gezeigt und gesehen werden will. Neben YouTube entwickelten sich auch andere Plattformen und Dienste, auf denen Bilder und Videos veröffentlicht werden konnten. Sie alle haben längst nicht mehr (nur) den Anspruch nach privater Qualität, sondern liefern regelrecht einen ästhetischen Wettbewerb, um die meisten Abrufzahlen zu generieren.

Mir ist wichtig, an dieser Stelle auf eine Verbindung hinzuweisen, die für die kulturelle Entwicklung des ästhetischen Empfindens von Bedeutung zu sein scheint. Wenn die Ansprüche von Usern steigen, wird auch die Nachfrage von entsprechenden Lösungen erhöht. Es geht darum, schnelle, günstige und ästhetisch ansprechende Technik zu haben, die den Erfolg auf den Plattformen ermöglichen. Ich beobachte für die Entwicklung des gesellschaftlichen Empfindens von Ästhetik eine Verschiebung der Hoheitsrechte: Die Institution verliert ihre Vorrangstellung, wird erst zu einer parallel stehenden Einrichtung und dann zu einem Nachläufer, der seine ästhetischen Konzepte anpassen muss, um noch verstanden werden zu können.

Ich denke hierbei an die Institution des klassischen Fernsehens. Das Fernsehen ist von seiner ästhetischen Seite her eine Institution mit Macht über die Bilder. Es gibt Standards und Normen, wie die Regularien der Europäischen Broadcast Union (EBU) oder die national einheitlichen TV-Formate (PAL). Die Entwicklung wurde von dieser Institution bestimmt. Bei der Einführung des Farbfernsehens in Deutschland 1967 beispielsweise erweiterte man das BAS-Signal (Bild-Austast-Synchron) technisch so, dass mit Hilfe eines zusätzlichen Farbhilfsträgers (Burst) das neue FBAS-Signals (Farb-Bild-Austast-Synchron) auf Farb- und Schwarzweißgeräten empfangen werden konnte. Freilich konnten Zuschauer mit einem Schwarzweißgerät keine Farbe sehen, aber dennoch ohne den Erwerb eines neuen Gerätes weiterhin ihren bisherigen Fernseher benutzen. Das ging auch noch bis zur vollständigen Abschaltung des analogen Antennensignals im Jahr 2009. Andere Beispiele, wie die Einführung von VPS, Teletext oder PALplus, zeigen, welche positiven Effekte die institutionelle Machtausübung auf eine nachhaltige Entwicklung für den Zuschauer haben konnte. Anders als bei der vergleichsweise kurzweiligen Dauer des Betriebs von DVB-T (Digital Video Broadcasting-Terrestrial) von nur maximal 16 Jahren (2002-2018 in unterschiedlichen Gebieten), bei dem die entsprechenden Receiver komplett zu Müll geworden sind, verfolgte die Institution Fernsehen eine andere Strategie. Ihr kam zur Machtsicherung der finanzielle Vorteil gegenüber privaten Personen zu Hilfe. Die Fernsehmacher konnten bei Herstellern von Fernsehtechnik ihre Ansprüche durchsetzen und standen in einem Austausch mit den Entwicklern. Geräte, die nicht den Normen entsprachen, bekamen keine Zulassung „broadcast tauglich“. Mit Hilfe eigener Mess- und Testlaboren konnten Abweichungen und Mängel in der technischen Qualität identifiziert werden. Die Institution Fernsehen nahm Einfluss auf die technische Entwicklung, die sich auch auf die ästhetische Bildung der Gesellschaft auswirkte.

Es wird notwendig, einmal kurz auf den Begriff der Institution zu Blicken. Der Wirtschaftshistoriker Douglass North (1920-2015) liefert dazu eine übersichtliche Definition von Institution: „Institutionen sind die von Menschen entwickelte Beschränkungen, die politische, wirtschaftliche und soziale Interaktion strukturieren. Sie bestehen sowohl aus informellen Einschränkungen als auch aus formalen Regeln.“1 Noth betrachtet die Institution als etwas wechselwirksames zwischen der Gesellschaft und ihren Mitgliedern, bei der sowohl festgelegte Gesetze als auch ungeschriebene, allgemeingültige Annahmen Einfluss nehmen. Die Macht der Institution müsste demnach abhängig von den Mitgliedern der Gesellschaft sein. Gibt es denn nun überhaupt noch ein Problem? Wird durch die neuen Möglichkeiten der Mitbestimmung an der Bildung von Ästhetik nicht genau das gewährleistet, was in der Definition von Institution gegeben ist?

Wichtig ist ganz deutlich zu betonen, dass die Möglichkeiten der öffentlichen Mitbestimmung am Bild der Öffentlichkeit und die Einflussnahme auf die institutionelle Machtausübung durch das Fernsehen und ihre Ästhetik im Kontext der deutschen Geschichte gesichert, gefördert und geschützt werden muss. Im Nationalsozialismus gelang es eine institutionelle Ästhetik zu entwickeln, die an Perversion nicht zu überbieten ist. Wenn es um die Analyse der derzeitigen Situation von Institution und Ästhetik geht, möchte ich auf einen anderen Aspekt hinweisen.

Das Problem, das ich sehe, ist die Einflussnahme auf die Ästhetisierung der Gesellschaft durch Kommerzialisierung anstelle von Institutionalisierung. Die technischen Lösungen, die sich wechselwirksam zwischen Amazon, YouTube und anderen Diensten anbieten, lassen eine umfassende Teilnahme gesellschaftlicher Mitglieder außen vor. Es ist nicht mehr der Mensch, der hier die Ästhetik bestimmt, sondern die (technischen) Lösungen, die schnelle und weniger nachhaltige Hilfe zur Beteiligung am ästhetischen Prozess anbieten. Zudem ist die Voraussetzung zur Beteiligung ein Selbst-Bewusst-Sein, wie ich eingangs im Zusammenhang mit dem Teilen (→ Beteiligung) privater und persönlicher Inhalte auf YouTube erwähnt habe. Das Selbstbewusstsein ist direkt verknüpft mit einer subjektiven, weniger empathisch ausgerichteten Einbindung ins Kapitalsystem. Es scheint mir verlockend einmal mehr dem Kapitalismus die Schuld für alles zu geben. Ist eine Revolution notwendig? Vielleicht nicht. Die bessere Frage könnte lauten: Wie lassen sich die weniger selbstbewussten Menschen am Prozess der Ästhetisierung der Gesellschaft beteiligen um einer neuen Perversion entgegenzuwirken und gleichzeitig keiner apokalyptischen Vision zu verfallen?


1 Übersetzt aus: Douglass C. North, Institutions, in: The Journal of Economic Perspectives (Vol. 5, No. 1, Winter, 1991), 97.

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