Idee und Lösung

Es scheint paradox: Der Fortschritt trifft auf Rückstand bei Innovation und Digitalisierung. Deutschland ist doch ein sehr hoch entwickeltes Land und dennoch gibt es eine Sorge darüber, dass wir den Weg in die Zukunft verschlafen. Die Startups in Deutschland sind da, aber das europäische Facebook ist nicht in Sicht. Wonach suchen wir eigentlich?

Um diesem Widerspruch auf den Grund gehen zu können, möchte ich das Problem mit Hilfe zweier Begriffe analysieren. Es kommt meines Erachtens durch die Synonymisierung von Idee und Lösung zu einem Problem. Um weiterhin fortschrittlich sein zu können, braucht es Ideen. Unser Verständnis von Fortschritt ist allerdings keine ontologische Wanderung, sondern eine technisierende Angelegenheit. Technik lässt sich anhand von bestimmten Kriterien entwickeln, weiterentwickeln und später auch wieder abwickeln. Die Kriterien, auf der die Technik beruht, sind in sich logisch und folgen mathematischen bzw. berechenbaren Regeln. Eine neue Technik oder eine Weiterentwicklung ist dabei allerdings keine Idee sondern eine Lösung. Wenn eine Lösung entdeckt wird, kann es sich dabei nicht um eine Idee handeln.

Es gibt keine Idee von Facebook oder anderen Unternehmungen. In unserem Kapital orientierten System gehen wir schnell davon aus, dass jemand mit einer Idee das Recht zu Monetarisierung besitzt. Es kann sich aber nicht um eine Idee handeln, da die Funktionalität hier durch die Lösung garantiert wird.

Der Kritikpunk wird anhand der Bildung deutlich. Im Bereich der Bildung gibt es scheinbar den Trend zu mehr Studienfächern. Studieren kann auch weiterhin als ein streben nach etwas begriffen werden, aber es scheint nicht ein streben nach Ideen sondern ein streben nach Lösungen zu sein. Es ist nicht verwerflich oder von weniger Qualität oder Bedeutung eine berufliche Perspektive durch solche Bestrebungen zu eröffnen. Der Unterschied sollte trotzdem bedacht werden. Die Idee ist nicht Lösung.

An dieser Stelle sollte kurz erläutert werden, was denn genau Idee sein soll. Eine Idee ist nicht mathematisch fassbar. Der freie Wille, das gute Leben oder tatsächlich auch der Fakt sind Ideen. Sie alle lassen sich zwar systematisch fassen und einordnen, sind aber ihrem Wesen nach Ideen und keine Lösungen. Der ein oder andere mag nun vielleicht denken, dass auch ein denkerisches Problem, wie z.B. das Übel in der Welt, mit einer Lösung, wie dem freien Willen, beantwortet werden kann. Das passt hier aber nicht so richtig, da es keine logische (mathematische) sondern eine plausible (stimmige) Verknüpfung ist.

Im Bereich der Bildung sollte ein Unterschied gemacht werden. Die Ausbildung an einer Universität sollte nicht Lösungen zum Ziel haben sondern die Ideen. Ideen sind nicht nach den Maßstäben des Kapitalismus messbar. Die Universität ist von ihrer Bezeichnung her universal angelegt, was bedeutet, dass sie Lösungen und Ideen beinhaltet. Das Bildungsziel an einer Universität sollte demnach nicht konkret sein. Konkrete Bildungsziele verfolgen die Fachhochschulen, die ihren Fokus auf die Lösungen legen. Und noch einmal: Darin liegt keine Bewertung nach Qualität von Studium. Die Unterscheidung soll lediglich helfen, das Problem von Idee und Lösung besser zu verstehen.

Wonach suchen wir eigentlich? Die eingangs gestellte Frage lässt erkennen, dass nicht die fehlenden Lösungen das Problem sind. Es geht eigentlich darum, die Idee von Fortschritt neu zu verstehen. Wo wollen wir hin? Kann es eine Gesellschaft geben, in der Fortschrittsgläubige und Fortschrittsungläubige zusammenleben können? Hat jemand eine Idee von Fortschritt anstatt einer Lösung?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.