Kreuzworträtsel

Eigentlich möchte man sich zu diesem Thema nicht äußern. Zum einen wird bereits genug Text produziert und zum anderen wird man entweder dem einen oder dem anderen vor den Kopf stoßen. Trotzdem drängt sich mir das Thema auf: Vor etwa einer Woche wurde in Bayern der Beschluss gefasst, ab dem 1. Juni Kreuze in den Behörden aufzuhängen. Der Ministerpräsident Markus Söder sieht in dem Kreuz einen gesellschaftsrelevanten und identitätsstiftenden Wert und erntet für seine Position Kritik, wie bspw. von Reinhard Kardinal Marx, der das Kreuz als ein bloß kulturelles Symbol unverständlich findet.

Für mich macht es an dieser Stelle keinen Sinn, die verschiedenen Positionen und Argumente wiederzugeben. Ich möchte verstehen, was sich für mich hinter dieser Debatte verbirgt. Nur ganz kurz und verkürzt will ich zwei Grundpositionen wiedergeben: Die eine besagt, dass das Kreuz als Symbol prägend und bedeutsam für die gesellschaftliche und staatliche Organisation sei. Die andere sieht bereits in der Idee das Kreuz als Symbol für institutionelle Prägung zu wählen als eine kulturelle Reduzierung und Politisierung.

Was hat es mit dem Kreuz auf sich? Das Kreuz war eine Methode zur Vollstreckung der Todesstrafe, die auch ein jüdischer Prediger auf Befehl eines römischen Stadthalters in Jerusalem vor fast 2000 Jahren ereilte. Das Kreuz war auf pragmatischer Ebene ein Instrument des damaligen Justizvollzugs. In der neutestamentlichen Überlieferung war dieser Mann, namens Jesus, zu Unrecht zu Tode gebracht worden. Er habe gegen Vorschriften verstoßen, die ein solches Strafmaß rechtfertigten. Jesus bewies seine Position damit, dass er die Strafe auf sich nahm, starb und kurze Zeit später wieder am Leben war. Die Erzählung im Neuen Testament ist dabei nicht als Bericht, sondern als religiöses Ereignis zu lesen, das das Bedürfnis der Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit kennzeichnet. Wahrheit und Gerechtigkeit stehen für das konkrete Problem des Menschen im Umgang und dem Hadern mit der Sinn-Frage. Die Strafe steht im Neuen Testament für das Leiden im Schatten der Sinn-Frage. Hinzukommt dann aber noch die religiöse Option der Sinnlosigkeit dieser Strafe, da Jesus später, nach seinem Tod, wieder am Leben ist.

Die Darstellung dieser Situation des unschuldigen Jesus mit dem Wissen der Überwindung dieser Ungerechtigkeit wird im Kruzifix ausgedrückt. Das Kruzifix ist im Prinzip eine plastische Darstellung eines Momentes, die einen Menschen mit den speziellen Merkmalen des Neuen Testamentes, wie Dornenkrone und Wunden, bei der Vollstreckung der Todesstrafe zeigt. Das Kreuz ist schließlich ohne die Darstellung eines Gekreuzigten schon mehr ein Symbol für etwas.

Ich möchte an dieser Stelle kurz eine eigene Erfahrung mit einbringen. Vor einigen Monaten war ich (ohne eine Verhandlung) in einem Gerichtssaal. Dort fiel mir sofort ein schmales, fast unscheinbares Kreuz an der Wand auf. Ich kann mich an diesen Moment sehr gut erinnern, da ich erstaunt war, dass heute überhaupt noch Kreuze in Gerichtssälen hängen. Ich kann nur davon berichten, was dieses Kreuz ganz persönlich mit mir gemacht hat. Das Kreuz erinnert mich daran, warum wir das hier alles veranstalten, so dachte ich mir. Das Kreuz erinnert mich an das Leid (und damit an die Sinnproblematik, die alle Menschen betrifft) und steht aber auch für die Überwindung des Leidensweges, den Jesus gegangen ist. Für mich persönlich war in dieser Begegnung „vor Gericht“ mit dem Kreuz spürbar, dass das gesellschaftliche System mit seinen Gerechtigkeitskonzepten und Institutionen unter dem Eindruck des Leids und auch auf der Möglichkeit seiner Überwindung beruht.

Das Kreuz wurde zu einem Symbol, dass eine Gemeinschaft daran erinnerte, warum sie sich gesellschaftlich so organisiert hatte. Wir nehmen mal aus heutiger Perspektive an, dass viele das Verständnis von einem Kreuz hatten, das sich über allem befand, was sich selbstverständlich nicht so einfach sagen lässt.

Da wir aber nicht davon ausgehen können, dass alle Menschen dieses Empfinden haben, wäre ein Kreuz heute und in dieser Form seines Gebrauchs nicht zielführend. Ein religiöses Empfinden lebt von seiner Universalität, die das ganze Leben und die Umwelt des Lebenden betrifft. Dieses religiöse Empfinden ist ein Bewusstsein für die Option des Lebens im Leid. Wir würden heute nicht unbedingt mehr von unserem Leid sprechen, sondern mehr von dem Leid der anderen, das es zu bekämpfen gilt. Wenn nun dieser universale Anspruch politisiert wird, geht sein religiöser Gehalt verloren. Wer sich aber bewusst an den Leidensweg Jesu erinnern und an die Möglichkeit der Überwindung glauben kann, der sollte daran denken, dass sich der Widerspruch des Lebens eben nicht mit einem Symbol kennzeichnen lässt. Die Zerreißprobe und damit das Leid des Kreuzes besteht genau darin, kein Symbol haben zu können, das mich und alle Beteiligten in der Gesellschaft an die Möglichkeit der Überwindung der Widersprüche erinnern kann. Mit dem Kreuz lässt sich kein Zeichen setzen. Das Kreuz schafft keine Klarheit. Nur die Erinnerung an den Leidensweg und den Ausgang der Geschichte, die zur Stiftung des Christentums wurde, kann einen religiösen Horizont aufziehen, der Mut macht. Ein Kreuz als kulturelles Symbol für die Werte einer Gesellschaft kann nur ein Ausflucht aus den Zwängen menschlicher Existenz sein.

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